Auf ein Wort – wie die anderen zur Zeit leben
15.05.2020

Auf ein Wort – wie die anderen zur Zeit leben

Wir fragen uns, wie geht es allen Fotograf*innen, die mit Zingst verbunden sind in dieser Zeit und erzählen ihre Geschichten. 

Corona – das heißt vielerorts auch Verzicht auf Kultur. ABER: Durch eine sukzessive Öffnung sind einzelne Kultureinrichtungen seit dem 04. Mai  wieder für Publikum geöffnet, sodass auch wir in Zingst mit großer Vorfreude auf den kulturellen Neustart hinarbeiten.

Bis es soweit ist möchten wir die Fotograf*innen zu Wort kommen lassen, die mit dem Umweltfotofestival »horizonte zingst« verbunden sind: was bewegt sie dieser Tage, woran arbeiten sie, wie erleben sie diese Zeit so fern ab von jeglicher Normalität. Und weil nun einmal jeder die Umbrüche anders verarbeitet, erreichen uns viele interessante, höchst unterschiedliche und lohnenswerte Geschichten.

Folgerichtig ist dieses Projekt ein fortlaufendes, das stets um neue Arbeiten, Gedanken und Erfahrungen erweitert wird.

01/07 Kilian Schönberger, Köln, Deutschland

„Ich war während der Krise gut beschäftigt: zum einen mit der Arbeit an drei Büchern und einigen Aufträgen für Magazine etc. zum anderen habe ich im weiteren Umland von Köln auch einige Fotoideen umgesetzt – Umland ist bei mir ein sehr weitläufiger Begriff. Sogar zu den holländischen Nachbarn wagte ich mich, denn als allein agierender Landschaftsfotograf kann man dem direkten Kontakt mit anderen Menschen ganz gut aus dem Weg gehen. In unserem Viertel in Köln, Ehrenfeld, gab es eine große Welle der Hilfsbereitschaft. Auch die Gastronomie hatte sich schnell mit Essen-to-go an die geänderten Voraussetzungen angepasst, so dass abgesehen von den gesetzlichen Einschränkungen mein Alltag sich wenig veränderte. Zuletzt war ich für längere Zeit wieder in Deutschland unterwegs und die unerwartete Begegnung mit einem wilden Wolf in Bayern war für mich das schönste Naturerlebnis in den letzten Wochen. Neben dem Wolf hielt uns auch unser Sohn Vitus auf Trab. Mit seinen neun Monaten ist er inzwischen sehr mobil und stellt die Wohnung auf den Kopf. Als Fotograf muss man da seine Ausrüstung doch im Auge behalten. Aber es ist sehr schön dem Kleinen dabei zuzusehen, wie er seine Welt erobert. Das verortet einen mit aller Intensität in der Realität und lässt das Drunter-und-Drüber rund um Corona und andere Themen in den Sozialen Medien schon mal vergessen.“

02/07 Johnny Miller, Redford/Michigan, USA
03/07 York Hovest, München, Deutschland

„Erst Anfang Februar 2020 bin ich nach einer Atlantiküberquerung mit zwei Freunden glücklich und gesund zu meiner Familie nach Deutschland zurückgekehrt. Nun bin ich schon wieder isoliert – in den acht Wochen in meiner Wohnung hatte ich fast keinen Kontakt zu anderen Menschen. Die Situation ist sehr komplex und wir müssen uns täglich neu aufraffen nicht den Mut und den Glauben zu verlieren. Zwischen Homeschooling und dem Büro haben meine Frau und ich uns aufgeteilt. Finanziell sieht es aufgrund der Krise auch nicht gut aus, da alle Veranstaltungen, für die ich als Vortragsredner fest gebucht war, ausgefallen sind. Dies alles scheint manchmal lediglich die Ruhe vor dem Sturm zu sein und nur die große Demut, die ich auf dem Meer gelernt habe, lässt mich auch heute noch neuen Mut fassen. Wir verbringen momentan die Zeit mit Renovierungsarbeiten, gemeinsamem Spielen, Lesen und ausgiebigen Fahrradtouren um München. Unter der Woche nehme ich Podcast Sendungen und Interviews auf oder versuche über Instagram meine Fotos zu verkaufen. Ich halte nach wie vor an meiner Mission für die Ozeane fest und versuche in kleinen Schritten weiterzumachen, da wo mich die Pandemie zwang, aufzuhören. Meine Hoffnungen ruhen jetzt auf 2021, ein Jahr, bis zu dem wir hoffentlich einen guten Weg gefunden haben, mit dem Virus zu leben oder gar ihn aktiv zu bekämpfen. Dann werden wir uns alle wiedersehen und viel zu berichten haben!“

© York Hovest

04/07 Sven Meurs, Köln, Deutschland

"Was für verrückte Zeiten für uns Alle: Erst habe ich lange den Kopf in den Sand gesteckt, habe mich geärgert, war traurig und lustlos, weil ich keine Vorträge mehr zeigen und nicht nach Zingst reisen konnte, worauf ich mich so lange gefreut habe. Plötzlich hatte ich alle Zeit der Welt! Und wozu sollte man diese als Fotograf am besten nutzen? – Zum Fotografieren natürlich! Ich bin froh, dass die Natur keine Pause eingelegt hat, dass der Tag mit der gleichen wundervollen Farbenpracht erwacht wie er zu Ende geht. Ob in den Bergen, am Meer, mitten im Ruhrgebiet und in unseren Städten, die Tiere machen einfach weiter wie immer. Also habe ich die Zeit genutzt, um brütende Eisvögel zu fotografieren, um mich am Kaiserstuhl bei den Bienenfressern umzusehen, die gerade aus ihrem winterlichen Quartier aus Afrika zurück gekehrt sind und schon begonnen haben, ihre Nisthöhlen zwischen den Weinbergen zu bauen. Zusammen mit meinen drei Kindern sind wir losgezogen, um den Rhein neu zu entdecken, alte Militärgebiete, in denen sich Wildschweine und Hirsche angesiedelt haben nachdem der Mensch die Flucht ergriffen hat und haben viele wunderschöne Fleckchen unserer Heimat neu oder noch intensiver entdeckt! Doch so langsam merke ich auch wieder, wie sehr mir die Vorträge und das Zusammentreffen mit Freunden und Kollegen fehlen."

© Sven Meurs

05/07 Ray Collins, Sydney, Australien

„I haven't left my postcode for two full months. It's been a great time to do yard work, gardening, eating well and working out my mind and body. I shape my day with a loose routine of meditation, exercise and connecting to friends on the phone...Well, fortunately, I'm still able to work as I'm alone and it is my usual occupation to be at the beach, I am extremely privileged and I must acknowledge that. I've been immersing myself in the ocean almost everyday and I must never overlook how that is essential for my wellbeing. People in Sydney though, which is an hour away from where I live - didn't obey the social distancing laws so they closed the beaches in the city. Which means more people have been heading to my local area. I choose my spot and my times to avoid any interactions with others.“

© Ray Collins

06/07 Timm Allrich, Pingelshagen, Deutschand

„Seit Jahren wünsche ich mir bei aller Attraktivität, die mein Doppelberufsleben als Oberarzt in der Radiologie der Schweriner Helios Kliniken und als Landschaftsfotograf mit sich bringt, mehr Zeit für viele Dinge, die im Alltag einfach zu kurz kommen. Sei es das Spielen mit den Kindern, das Telefonieren mit alten Bekannten, das längst überfällige Aufräumen und Sortieren gestapelter Briefe, das einfach mal früher als 23:30 Uhr ins Bett gehen oder auch das ganz banale Schauen einer Serie, die seit Jahren auf meiner Watchlist steht. Ich habe endlich wieder zurück zum Sport gefunden, bereits 7 kg abgenommen und fühle mich körperlich so wohl wie seit langem nicht mehr. Es mag verrückt klingen, aber all diese Dinge wären ohne Corona vermutlich niemals passiert.Natürlich hat die Krise auch negative Seiten für mich und vor allem meine liebste Nebensache der Welt, die Fotografie. Während ich dankbarerweise nicht wie viele meiner Kollegen und Freunde finanziell auf die Fotografie angewiesen bin und auch in der Krise auf ein sicheres Einkommen zurückgreifen kann, so bin ich dennoch zumindest mental von ihr stark abhängig. Es fällt einem schwer, die lang ersehnten und akribisch geplanten Fotoprojekte nicht umsetzen zu können, das Fernweh nicht zu stillen und die noch anstehenden Dinge für den weiteren Jahresverlauf in weite oder gar unmögliche Ferne rücken zu sehen. Doch auch diesbezüglich versuche ich als Optimist Lösungen für mich zu finden. Die Natur in Mecklenburg-Vorpommern und vor meiner Haustür ist auch ohne Krise meine fotografische Spielwiese und dazu gut und ungefährlich zu besuchen, sodass ich meinen Schwerpunkt aktuell auf die kleinen Dinge rund um Schwerin gelegt habe.“

© Timm Allrich

07/07 Klaus Tiedge, Hamburg, Deutschand

Den Anfang macht  Klaus Tiedge, Kurator des Festivals (und der Fotografie in Zingst) – was bewegt ihn nach der Absage des 13. Umweltfotofestivals?   

„Schade um das attraktive Ausstellungsspektrum und darum, dass »horizonte zingst« 2020 nicht wieder zum Treffpunkt der Fotoszene werden konnte. Was allen fehlt, sind die inspirierenden Begegnungen, wie sie nur das Umweltfotofestival in Zingst zu bieten hat. Sehen wir es dennoch positiv: Nutzen wir die zwangsberuhigte Zeit, um Dinge zu tun, für die ansonsten immer zu wenig Zeit bleibt. Das Internet ist eine tolle Spielwiese, um sich mit Fotografie auseinanderzusetzen. Ich habe jeden Tag interessante Entdeckungen gemacht. Das Fenster zur Fotowelt ist online geradezu unerschöpflich. Auch wenn das Ende der Corona-Krise noch nicht abzusehen ist, glaube ich fest daran, dass alle Zingster Fotofreunde den kulturellen Neustart mit Spannung erwarten.“

Foto © Anke Großklaß

Aufgeschrieben von Nina Hesse

Titelbild © Ray Collins

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