Berthold Steinhilber: „Deutschland – eine Reise durch die Zeit“
26.09.2019

Berthold Steinhilber: „Deutschland – eine Reise durch die Zeit“

Berthold Steinhilber hat sich auf die Suche nach Orten und Landschaften gemacht, die die deutsche Gesellschaft bis in die heutige Zeit prägen. Wie er an seinem Thema – das auch als Buch erschienen ist – gearbeitet hat, erklärt er neben dem Interview auch persönlich am „Tag des Fotobuches". Diese Veranstaltungsreihe erfreut sich nicht nur zum Festival großer Beliebtheit.

2019 jähren sich gleich zwei Ereignisse, ohne die es das Deutschland von heute so nicht geben würde: Vor 70 Jahren wurde die Bundesrepublik gegründet und vor 30 Jahren fiel die deutsch-deutsche Mauer. Für den Stuttgarter Fotografen Berthold Steinhilber mehr als Grund genug, den Geschichten und der Geschichte nachzuspüren, die das Land ausmachen und bis heute prägen. Steinhilber begibt sich dafür auf eine Reise zu geschichtsträchtigen Orten und Landschaften, um sich gleichzeitig der Vergangenheit und dem Status Quo anzunähern, denn für ihn stand am Anfang seiner fotografischen Arbeit die Frage: In welche Richtung geht Deutschland? Woher kommen die Deutschen und was hat sie kulturell geprägt? Mit dieser Bilderschau und der ihm eigenen fotografischen Handschrift leuchtet der Fotograf im wahrsten Sinne des Wortes Ereignisse und Entwicklungen aus, die bis heute nachhallen.

Wir haben Berthold Steinhilber gefragt, wie er an seinem Thema – das auch als Buch erschienen ist (s.u.) – gearbeitet hat:

horizonte zingst: Wie ist die Idee zu dem Buch entstanden?

Berthold Steinhilber: Die Grundfrage, die mich immer bei der Arbeit an diesem Buch beschäftigte lautet: Was macht den Deutschen aus? Fotografisch interessiert mich das Thema schon sehr lange und ich fotografiere seit vielen Jahren historische Themen z.B. für GEO Epoche.Im Prinzip aber geht das weit in die Jugend zurück. Ich bin früher mit Freunden oft nach Frankreich gereist und wir haben die Irritationen, die es damals in den späten 1980er Jahren noch zwischen Franzosen und Deutschen gab, hautnah erfahren. Wir wurden oft als „Les Boches“ bezeichnet, also Holzköpfe, eine Charakterisierung für den arroganten Deutschen. In den 1990er Jahren, als ich in England studiert habe, haben mich meine Kommilitonen oft mit dem Hitlergruß und Blitzkrieg provoziert. Das führte zur obigen Frage, die sich wohl jeder stellt, was mich als Deutschen eigentlich ausmacht und geprägt hat. Als Erwachsener erfährt man sein Land mit einer funktionierenden Demokratie und einer erfolgreichen Wirtschaft. Deutschland ist gegenüber seinen Nachbarstaaten ein junges Land, die Grenzen waren oft unklar. Nach der Reichsgründung 1870/71 kam es zu einem Nationalstolz, den ich nie nachvollziehen konnte. Erst die Lockerheit des Sommermärchens 2006 hat mich versöhnt. Als die Töne bei der ersten großen Pegida Demonstration wieder verstörend wurden, habe ich mich Abends hingesetzt und den ersten Entwurf für das Buch skizziert. Mir liegt Deutschland am Herzen und ich wollte das Thema aber nicht bestimmten Kreisen überlassen.

Wie haben Sie sich den komplexen geschichtlichen Zusammenhängen genähert?

Die Auswahl der Themen war eine dialektische Angelegenheit. Einerseits wollten die Autorin Sabine Böhne und ich zeigen, wo die Spuren der Geschichte bis heute sichtbar sind, andererseits haben wir nach markanten Orten gesucht, über die sich große Geschichte beispielhaft erzählen lässt. Wie etwa das Rathaus des Westfälischen Friedens in Münster oder eines der Felder, auf denen die Völkerschlacht von Leipzig tobte.Unsere Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wegmarken und Wendepunkte der Geschichte sind beispielhaft heraus gesucht. Im ersten Schritt ging es um die historische Relevanz. Es war klar, dass die Römer rein mussten und Karl der Große, der Handel und die Hexenverbrennung, Goethe und Schiller und natürlich die Industrialisierung. Dann ging es an die Auswahl der Orte. Dafür wählten wir einen journalistischen Zugang. wir haben also nach überraschenden, eher unbekannten Themen gesucht und sie, wo es die Quellenlage erlaubte, an interessanten Personen aufgehängt.

Wie wurde über die Kapitelzusammenstellung bzw. die Inhalte entschieden?

Die deutsche Geschichte chronologisch abzubilden ist nahezu unmöglich. Leitfrage war auch hier immer: Was hat die Deutschen eigentlich kulturell geprägt und was ist davon noch zu sehen? Wir haben das Buch schließlich in acht Kapitel unterteilt wie z.B. „Tod und Verderben“, „Hopfen und Malz“ oder „Hanse und Handel“Durch die Kombination aus bekannten und weniger bekannten, dafür interessanten Orten, entsteht ein Mosaik, das aber die Umrisse und Dimensionen des Ganzen erfahrbar macht und zum selber Denken anregt, weil das Puzzle noch Lücken hat.

Wie sind Sie fotografisch vorgegangen?

Ich habe in dem Buch drei fotografische Stile bzw. Arbeitsweisen angewandt und vereint, mit den ich sonst sehr gerne arbeite: Zuerst meine bekannte Lichttechnik, wo ich Orte und Landschaften in der Nacht mit meinem eigenen Licht speziell beleuchte.Zweitens meine Art der Landschaftsfotografie, die sich ganz dem aktuellen Ort widmet und wo ich versuche, die jeweilige Stimmung eines Ortes im Bild festzuhalten bzw. so zu zeigen, wie ich den Ort empfunden habe und schließlich die Kombination aus Landschaft und Mensch, wo ich Menschen mit in die Landschaft als bildwichtiges Element einbeziehe. Treten Personen im Bild auf, hat dies immer eine Bedeutung, die einen historischen Ort mit der Gegenwart verbindet im dem, was die Menschen dort tun oder wie sie arrangiert sind (z.B. Bild der Gedenkstätte der Berliner Mauer an der Bernauer Straße, das Tempelhofer Feld, die Stadtansicht von Dresden etc.).

Was war die größte fotografische Herausforderung?

Geschichte in der Gegenwart abzubilden ist immer eine große Herausforderung. Im Moment des Fotografierens passiert ja eigentlich überhaupt nichts. Was kann man also als Fotograf tun, um die Geschichte abzubilden? Dann kommt die Landschaftsfotografie ins Spiel. Wenn man sich Landschaften anschaut, dann macht dies etwas mit unserem Gehirn, die Landschaft entsteht auch parallel im Kopf des Betrachters und es ist für mich so, als hätten Landschaften so etwas wie ein Eigenleben. Dann erinnern uns die Landschaften auch immer wieder daran, was passiert oder verloren gegangen ist. Dieses Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Landschaft ist das, was mich fesselt und dieses versuche ich zu fotografieren.Beispiele sind die Bilder aus dem Oderbruch, das Schlachtfeld an den Seelower Höhen, die Weinberge im Kaiserstuhl, die Loreley, das Kloster der Hildegard von Bingen und andere.

Haben Sie unter den Bilder Favoriten?

Fotografisch bin ich mit der Umsetzung des Motiv der Völkerschlacht von Leipzig sehr zufrieden. Ich bin mit dem Fahrrad viele Orte in Leipzig entlang geradelt, bis ich das Motiv des Schlachtfeld gefunden habe. Die Kamera habe ich so positioniert, dass das Denkmal in weiter Ferne wie ein Friedhofslicht leuchtet und das akkurat abgemähte Maisfeld dem Betrachter die entsprechende Interpretation ermöglicht.Ich mag auch das Motiv der Kongresshalle in Nürnberg, weil es ebenso viel Interpretationsspielraum bietet und zeigt, wie schwer es für eine Stadt sein kann, mit ihrem historischen Erbe adäquat umzugehen.

Die Ausstellung „Deutschland – eine Reise durch die Zeit“ von Berthold Steinhilber wird am 2. Oktober 2019 um 10.30 Uhr gemeinsam mit dem Fotografen im Max Hünten Haus eröffnet.

Im Anschluss daran gibt der Fotograf außerdem beim „Tag des Fotobuchs“ um 11 Uhr im Max Hünten Haus noch einen tieferen Einblick in die Entstehung seines Bildbandes.

Website: https://bertholdsteinhilber.com/

Instagram: https://www.instagram.com/berthold.steinhilber/

Das Interview führte Edda Fahrenhorst.

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