Die größte Herausforderung war ich selbst
03.03.2020

Die größte Herausforderung war ich selbst

Als erster Europäer paddelt Dirk Rohrbach Nordamerikas längste Flüsse von der Quelle bis zur Mündung – nah dran an der Natur und den Menschen.

Im Interview verrät uns Dirk Rohrbach, der sich selbst einen Berufsreisenden nennt, was es damit auf sich hat und warum er selbst dabei manchmal seine größte Herausforderung ist:

horizonte zingst: Herr Rohrbach, wie sind Sie zur Fotografie gekommen und was ist die Besonderheit ihrer fotografischen Arbeitsweise?

Dirk Rohrbach: In der Schulzeit gemeinsam mit einem Freund. Wir hatten uns zeitgleich zwei gebrauchte Spiegelreflexkameras gekauft, Canon AE-1, und dann im Park von Schloss Philippsruhe in meiner Heimatstadt Hanau am Main die ersten Aufnahmen gemacht, von Skulpturen und vom Fluss. Später sind wir mit unseren Kameras in die Wälder und nach Lappland gereist, um unsere Abenteuer mit Rucksack und Kanu zu dokumentieren. Anfangs habe ich mich vor allem auf Landschaften konzentriert. Heute sind es zunehmend Porträts, ich will mit den Bildern die Geschichten der Menschen erzählen, die ich auf meinen Reisen treffe.

Sie beschreiben sich als einen Berufsreisenden, können Sie das näher erläutern?

Ich habe seit zehn Jahren keinen festen Wohnsitz mehr, pendle zwischen Deutschland und Amerika, ständig unterwegs, um zu fotografieren oder von meinen Reisen zu erzählen. Das Reisen ist so auch zu einem dauerhaften Lebensmodell geworden, das es mir mittlerweile ermöglicht davon zu leben.

Was fasziniert Sie an Nordamerika so sehr, dass Sie immer wieder dorthin reisen?

Am Anfang waren es vor allem die Landschaften, die Weite und die Musik. Sehr bald kam die Faszination für die Menschen dazu, die geprägt von der wilden Natur, in der sie leben, spannende, inspirierende Geschichten erzählen. Das Land ist so groß und vielschichtig, dass ich auch nach mehr als dreißig Jahren dort immer noch das Gefühl habe, es gibt viel zu entdecken und Regionen, die ich noch gar nicht bereist habe. Deshalb habe ich gerade zusammen mit Bayern2 ein Langzeitprojekt gestartet: 50 STATES - eine Entdeckungsreise durch Amerika, mit dem Ziel, alle Staaten zu porträtieren, für eine Radioserie, einen Podcast und einen opulenten Bildband.

6000 Kilometer waren Sie alleine auf dem Missouri und Mississippi unterwegs. Welchen Herausforderungen sind Sie dabei begegnet, gab es gefährliche Situationen und woran denken Sie besonders gerne zurück?

Die größte Herausforderung war ich selbst. Mein Anspruch war es auch bei diesem Projekt, anhand meiner Reise die Geschichten der Menschen zu erzählen, denen ich unterwegs begegnen würde. Dann hat der Fluss mich erstmal mit mir konfrontiert, meinen Schwächen und Ängsten. Ich habe lange gehadert, vordergründig mit dem Hochwasser, dem Wetter, den von Menschen geschaffenen Stauseen, die den Fluss über eine Strecke von mehr als 1000 Meilen bestimmen. Dort bin ich auch wiederholt in gefährliche Stürme geraten, mit hohen Wellen, krassem Gegenwind und Tornados, die mich aber zum Glück nicht erwischt haben. Irgendwann musste ich erkennen, dass ich allein für meine Unzufriedenheit verantwortlich war. Ich hatte die Herausforderung unterschätzt, dachte, ich habe genug Erfahrung von anderen Reisen, um dieses Mal alles richtig zu machen und jeden Moment zu genießen. Und jedes Mal, wenn meine Erwartungen nicht erfüllt wurden, konnte ich nicht loslassen und mich auf die neue Situation einstellen. Erst die Menschen am Fluss, mit ihrer Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Begeisterung für ihren Missouri und Mississippi haben mich schließlich in den Fluss kommen lassen. Die Begegnungen und Gespräche mit ihnen waren die Schlüsselmomente, für die ich sehr dankbar bin.

Was möchten Sie den Besuchern ihrer Multivisionsshow "Im Fluss: 6000 Kilometer auf Missouri und Mississippi durch Amerika" vermitteln?

Die Lust aufs Abenteuer. Das muss ja nicht gleich so lang, episch und extrem sein wie bei mir. Manchmal reichen die kleinen Fluchten für neue Ideen und um zu neuen Ufern aufzubrechen. Ich will aber auch Einblicke in eine Region geben, die viele noch nicht kennen, und die so spannend, wild und grandios ist, dass sich das Entdecken lohnt.

Gibt es Highlights, die Sie heute schon verraten können?

Landschaftlich sind es die spektakulären Flussabschnitte in Montana und den Dakotas, der Prärie, die mich selbst begeistert haben, vor allem weil sie so andersartig sind im Vergleich zur Natur bei uns in Europa. Meine Drohnenaufnahmen zeigen die Wildheit und Majestät besonders eindrucksvoll. Ein weiteres Highlight war für mich die Geschichte der „Arabia“, ein Schaufelraddampfer, der im 19. Jahrhundert im Missouri gesunken ist und der über hundert Jahre später entdeckt und ausgegraben werden konnte. Die komplette Ladung wurde geborgen und erzählt jetzt in einem Museum in Kansas City vom einst so gefährlichen Missouri. Und am Mississippi begegne ich immer wieder der Musik, dem Blues, der im Delta geboren wurde. Die Songs zum Vortrag habe ich sorgfältig ausgewählt, damit die Zuschauer noch intensiver in die Reise eintauchen können.

Was verbinden Sie mit Zingst und dem Umweltfotofestival »horizonte zingst«?

Großartige Fotografie, die auf einzigartige Weise präsentiert wird, in einer der schönsten Gegenden Deutschlands. Ich habe schon lange versucht, nach Zingst zu kommen, um das Umweltfotofestival »horizonte zingst« selbst zu erleben. In den letzten Jahren war ich aber zu diesem Zeitpunkt längst wieder in den USA für neue Projekte unterwegs. Umso mehr freue ich mich, dass es dieses Mal geklappt hat und ich von meinen Abenteuern erzählen darf.

 

Beim Festival ist Dirk Rohrbach in seiner Multivisionsshow "Im Fluss: 6000 Kilometer auf Missouri und Mississippi durch Amerika" am 23.05.2020 um 17:00 Uhr zu erleben. Darüber hinaus vermittelt er sein Wissen als Reisefotograf in dem Seminar "Reisefotografie - mit Bildern spannende Geschichten erzählen" am 22.05.2020 von 18:00 - 21:00 Uhr.

Fotos ©  Dirk Rohrbach

Das erste und letzte Bild stammen von Claudia Axmann.

Webseite des Fotografen: https://dirk-rohrbach.com/

Das Interview führte Nina Hesse per E-Mail.

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