„Es wirkt oft befreiend, mit jemand Fremden über sein Leben zu sprechen“
23.01.2020

„Es wirkt oft befreiend, mit jemand Fremden über sein Leben zu sprechen“

Die Fotografin Nanna Heitmann stellt im Frühling 2020 in der Leica Galerie Zingst aus, nachdem sie bereits beim Festival erfolgreich am »Neuen BFF-Förderpreis 2018« teilgenommen hat.

In einer der einsamsten Gegenden Sibiriens dokumentiert die Fotografin Nanna Heitmann die Lebensweisen und Charaktere der Menschen, die hier ihr Glück finden.

Über mehrere Wochen ist sie dem Flusslauf des Jenissei gefolgt und hat in den entlegensten Dörfern fotografiert. Ursprünglich wollte sie das Heimatland ihrer Mutter kennenlernen und den russischen Mythen, aus ihrer eigenen Kindheit, auf den Grund gehen. Doch schon bald galt ihr Interesse vor allem den Menschen, die entlang des Flusses leben und auf unterschiedliche Weise ihr Glück gefunden haben.

Wie es der jungen Fotografin gelang, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, um sie zu porträtieren, verrät sie im Interview:

horizonte zingst: Bitte beschreiben Sie Ihren fotografischen Werdegang.

Nanna Heitmann: Mit etwa 13 Jahren reiste ich zu Freunden meiner Mutter in die USA. Ein befreundeter Fotograf hat gesehen, wie begeistert ich fotografiere und schenkte mir sein altes Canon Objektiv, so dass ich mir nur noch eine Spiegelreflex Kamera besorgen musste. Gleichzeitig entdeckte ich die Magazine „GEO“ und „National Geographic“ meines Vaters, wobei mich die Aufnahmen von Eric Valli in Nepal unglaublich in den Bann zogen. Nach mehreren ausgedehnten Reisen nach der Schule begann ich Fotojournalismus und Dokumentarfotografie in Hannover zu studieren. Letztes Jahr wurde ich nominiertes Mitglied der Fotoagentur „Magnum“.

Wie sind Sie auf die Idee zu dem Projekt „Hiding from Baba Yaga“ gekommen?

Russland ist das Heimatland meiner Mutter, doch leider war dies für mich immer ein großer dunkler Punkt auf der Karte. Also entschied ich mich für ein Auslandssemester in Tomsk, Sibirien, von wo ich zum Jenissei fuhr. Bislang waren meine Vorstellungen von Russland hauptsächlich von den alten slawischen Märchen geprägt. Diese inspirierten mich auch für die Geschichte „Hiding from Baba Yaga“. „Baba Yaga" ist eine wichtige Figur in der slawischen Folklore. Sie ist eine unberechenbare und gefährliche Hexe, die in einer kleinen Hütte mitten im Wald lebt. Eines Tages nimmt sie ein Mädchen namens Vaselisa als Gefangene. Mit Hilfe einer dünnen schwarzen Katze kann Vaselisa Baba Yagas Hütte entkommen, sie lässt ein Tuch und einen Kamm hinter sich fallen: An dieser Stelle entsteht ein Fluss, sehr tief und sehr breit und ein Wald, so hoch und so dicht, dass Baba Yaga ihn nicht passieren kann. Wie Vasilisa sind auch die Menschen, denen ich entlang des Flusses „Jenissei“ begegnete, durch das raue Klima und die ihn umgebenden Wälder geschützt und isoliert. Mit dem Fall der Sowjetunion brach die Infrastruktur in den entlegenen Regionen Russlands, einschließlich vieler Teile Sibiriens, zusammen. Isolation, Arbeitslosigkeit, Schulschließungen und mangelnde medizinische Versorgung waren einige der Folgen der Perestroika. Entlang des Jenisseis stehen viele Siedlungen und Dörfer auf der Umsiedlungsliste, mit der versucht wird, Menschen in mildere Klimazonen umzusiedeln. Einige Leute sind bereits weggezogen, aber für viele ist das Verlassen keine Option. Sie können es sich entweder nicht leisten oder nicht vorstellen zu gehen. Sie sind an die harten Bedingungen und das Leben in Isolation gewöhnt.

Wie sind Sie den Menschen so nahe gekommen?

Mit Hilfe von ansässigen Geologen konnte ich erste Kontakte zu den Einheimischen knüpfen und ihnen bei ihrer alltäglichen Arbeit helfen. So konnte ich allmählich das Vertrauen der Menschen gewinnen. Generell gehe ich offen und ehrlich auf die Leute zu, erkläre ihnen mein Projekt, verbringe Zeit mit ihnen und höre zu. Manchmal fühle ich mich eher wie eine Psychotherapeutin als eine Fotografin. Mit manchen Porträtierten sitze ich Stunden zusammen und höre einfach zu.  Für mein Projekt „Weg vom Fenster – Das Ende einer Ära“  habe ich den Menschen des Kohlenpotts und ihren Geschichten über Deutschlands letztes Steinkohlebergwerk ein Denkmal gesetzt. Ein alter Bergmann sagte einst unter Tränen, ich sei die Erste, die ihm zuhöre. Ich denke, es wirkt oft befreiend, mit jemand Fremden über sein Leben zu sprechen.

Welche Situationen/Begegnungen in Sibirien sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Die Begegnung mit Valentin, einem ehemaligen Offizier, hat mich besonders geprägt. Ich habe selten jemanden getroffen, der mit solch einer Freude die Welt umarmt und die Natur anbetet. Wo genau er lebt, ist nicht ganz klar, manchmal auf seinem Grundstück im Wald, manchmal auf dem Grundstück eines Freundes in einem losen Bretterverschlag. Heute sind wir Freunde und wenn ich in der Gegend bin, sehen wir uns und wandern durch die schönsten Wälder der Gegend.

Was ist kennzeichnend für Ihre fotografische Handschrift?

Meine Porträts und das ernsthafte Interesse für die Porträtierten.

Ein Blick in die Zukunft: Was planen Sie als nächstes?

Mit seinen rund 4.000 Kilometern gehört der Jenissei zu den längsten Flüssen der Welt. Während meiner dreimonatigen Reise konnte ich bisher nicht alle Regionen entlang des Flusses besuchen. Das möchte ich in diesem Jahr nachholen, um mein Projekt zu beenden. Der letzte Teil meiner Reise wird mich Richtung Norden führen bis zum arktischen Ozean. Diese entlegenen Gebiete sind nur mit dem Postschiff oder dem Helikopter zu erreichen. Ich frage mich, welche Menschen noch immer in diesem rauen Klima leben. Gleichzeitig habe ich begonnen, an einem neuen Projekt über Russland zu arbeiten.

Last but not least – Was verbinden Sie mit Zingst?

Mit Zingst verbinde ich eine verschneite, stürmische Ostsee und den wunderbaren Workshop des »Neuen BFF-Förderpreises« vor zwei Jahren.

Die Ausstellung „Hiding from Baba Yaga“ ist vom 23.01.2020 bis 08.05.2020 in der Leica Galerie Zingst zu sehen. Zur Vernissage am 05.03. 2020 um 18:00 Uhr wird die Fotografin Nanna Heitmann anwesend sein.

Partner der Ausstellung: Leica | ChromaLuxe

Alle Fotos © Nanna Heitmann

Das Interview führte Nina Hesse

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