Florian W. Müller – „Kommentar, Zeitgeist und Standpunkt“
05.03.2019

Florian W. Müller – „Kommentar, Zeitgeist und Standpunkt“

Zerknüllte Wolken, vibrierende Städte oder wilde Wurzeln – Florian W. Müllers Arbeiten sind immer überraschend, immer anders. Seine Lust am Experiment, gemixt mit dem Spaß am Unkonventionellen und gewürzt einem Hauch Anarchie machen seine Arbeiten aus.

Dabei bedient er sich der verschiedensten Sujets, springt zwischen Architektur- Landschafts und Stilllife-Fotografie hin und her, zitiert mal die Kunstgeschichte, mal andere Fotografen oder mal gar nichts, wandert fotografierend durch Wald, Aquarium und Großstadtdschungel ebenso wie durch die Möglichkeiten der digitalen Bildwandlung.

Was im Endergebnis auf den ersten Blick wie ein fröhliches Chaos daherkommen könnte, ist aber ebenjenes genau nicht. Florian W. Müllers Arbeiten sind eine emotionale, spontane und intelligente Reaktion auf die überflutende und satte Bilderwelt der Jetztzeit.

Aber nicht nur das: Seine Bilder sind – verpackt in sehr ästhetisch und wunderschön anzuschauenden Bildern – Kommentar, Zeitgeist und Standpunkt zugleich. Galerist Johann Schulz-Sobez aus Mannheim sagt dazu: „Florian W. Müllers Arbeiten sind eine Herausforderung für den Geist und das Unterbewusste. Sie lassen sich irgendwo zwischen digitalen Collagen und der Konzeptkunst verorten und liefern einen erstaunlichen Beitrag zur zeitgenössischen Fotografie.“ Von Florian W. Müller direkt wollten wir wissen, warum er eigentlich fotografiert und wie er vorgeht.

Wie bist Du zur Fotografie gekommen?

Als Kind zeigte mir mein Vater die magische Entwicklung von Papierbildern in der Dunkelkammer, das war der Startschuss Mit sechs Jahren bekam ich meine erste Kamera – eine Agfa Rapid mit bescheidenen drei Einstellmöglichkeiten: Sonne, Wolken und Blitz. Die habe ich auch noch. Bald darauf erklärte mir mein Vater mit Hilfe einer alten Voigtländer das Zusammenspiel von Verschlusszeit, Blende und Filmempfindlichkeit. So habe ich nie aufgehört zu fotografieren, immer mit der Lust am Experimentieren in der Dunkelkammer und mit verschiedenen Techniken und Kameras, Mittelformat, Lomo oder Polaroid zum Beispiel. Während des Studiums kamen die ersten Aufträge und Anfragen, meist Porträts und Dokumentationen. Nach verschiedenen Stationen als Set/Standfotograf bei Filmproduktionen und verschiedenen Aufträgen von Werbeagenturen reifte der Wunsch, eine eigene, eigenständige Form der Fotografie zu entwickeln und zu etablieren, um den Kontext fotografischer und künstlerischer Praxis zu erweitern. Es folgten erste selbst organisierte Ausstellungen im eigens gegründeten Künstlerkollektiv, dann die Aufnahme in den BFF, was der Lust und dem Erfolg eine neue und intensive Form des Antriebs gab.

Wie entwickelst Du Deine Strecken?

Es gibt die Strecken, die sorgsam und lange im Vorfeld geplant werden, wie zum Beispiel meine Serie REM, für die ich zig mal stundenlang in die Eifel gefahren bin und oft genug ohne ein Bild zurückkehrte, weil Wetter, Licht oder andere Umstände nicht gepasst haben und ich nicht das Bild produzieren konnte, was in meinem Kopf schon fertig ausbelichtet war. Oder die Bilder der Serie „Stasis“, ein Oktopus, der ein Jahr lang, teilweise in einem Eisblock, bei -24°C konserviert wurde, um eine ganz bestimmte Hautstruktur zu bekommen. Andere Serien entstehen aus dem Moment und entwickeln sich von selbst. Im Englischen gibt es ein schönes Wort dafür: Serendipity, das Finden von etwas, wonach man nicht gesucht hat. Und manchmal ist es die Spielerei am Rechner mit Material aus dem eigenen Archiv, was plötzlich in einer komplett neuen Serie endet. Mal ganz abgesehen von den endlosen Inspirationen beim Betrachten von Bildern der Kollegen, dem Sehen von Filmen oder Hören von Musik.

Wie gehst Du in der Umsetzung ganz praktisch vor?

Letztes Jahr bekam ich von Porsche Asia Pacific den Auftrag vier Porsche Macan in grellen, ungewöhnlichen Farben. Einzig der Claim der Kampagne, „Life intensified“, und der Ort – Taipeh, Taiwan – war vorgegeben, für alles andere hatte ich freie Hand. Ich wollte in den Bildern unter anderem mit Kontrasten und Komplementärfarben arbeiten und die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Fahrzeuge zu lenken. So suchte ich zusammen mit einem kleinen Team für den Macan in „Lava Orange“ einen Platz in den dschungel-grünen Bergen am Rande Taipehs und fand einen solchen Platz in den Elephant-Mountains, einer Region mit vielen alten Tempeln und Taipeh als Hintergrund. Großartig! Für ein anderes Motiv, den Porsche in „Ultraviolet“ wollte ich das Fahrzeug in eine Nachtszene setzen, in der er sich bestens einfügen kann. Mit modernen Elementen, Personen in Bewegungsunschärfe, etc. Auch hier haben wir die passende Location „on the fly“ entdeckt. Für das Fahrzeug in „Riviera Blue“ einem Hellblau, suchte ich nach einer belebten, authentischen Straßenszene mit verblassten Wandfarben und einer Kreuzung, aus der das Auto herauskommen konnte. Gesucht, gefunden und bis jetzt eines meiner Lieblingsbilder. Die Umsetzung war zeitaufwändiger als es hier klingt. Warten, bis das Licht stimmt, warten, bis die Straßen und Restaurants belebter sind, dann Warten auf die „richtigen“ Passanten. Alles dem Umstand geschuldet, dass ich „echte“ Fotografie produzieren wollte und das Bild nicht per CGI im Computer entstehen lassen wollte.

Was ist Dein fotografisches Ziel - sowohl inhaltlich als auch formalästhetisch?

Ich möchte gerne, dass der Betrachter bei meinen Bildern mit den Bildern in Kontakt tritt. Dass etwas geschieht. Sei es etwas Emotionales oder sich der Betrachter recht banal fragt „Was ist das?“ Die letzte Frage gilt natürlich eher für die abstrakteren Serien wie „Lyonel 2000“, „Stasis“ oder „Concrete Cross“. In Zeiten endloser Bilderflut und Gier nach Perfektion, Likes und Reposts sehe ich die Notwendigkeit, in eine ganz andere Richtung zu blicken: Die Bilder reichen nicht aus, es ist die Abstraktion und die individuelle Sicht des Betrachters, die gemeinsam in und unter die Oberfläche der üblichen Muster greifen. Hier greift die Subjektivität des Betrachters, was den Austausch mit Besuchern auf der eigenen Ausstellung so spannend macht. Aus dem Text von Johann Schulz-Sobez zur Eröffnung der Solo-Ausstellung „Shifting Elements“: „In der von der Psychoanalyse beeinflussten aktuellen Philosophie spricht man hier davon, dass uns das Bild anblickt; wir sehen das Bild und indem wir sehen, blickt uns das Bild an. Dabei ist der entscheidende Punkt, dass der Blick des Bildes unser blinder Fleck im Bildfeld ist. Das was wir nicht sehen, blickt uns an, macht etwas mit uns und verändert auf diese Weise unsere anfänglich ungetrübte Seherfahrung. Und genau diese blinden Flecken und unmöglichen Punkte sind das wesentliche Arbeitsfeld von Florian W. Müller. ... Insgesamt sind seine Arbeiten eine Herausforderung für den Geist und das Unterbewusste. Sie lassen sich irgendwo zwischen digitalen Collagen und der Konzeptkunst verorten und liefern einen erstaunlichen Beitrag zur zeitgenössischen Fotografie.“

Ein Blick in die Zukunft - was planst Du als Nächstes?

Ich plane mehrere freie Projekte, die teils aufwändig sind und teilweise großer Vorbereitung erfordern. Ebenso arbeite ich an einem längeren Projekt, das Personen beinhaltet, was bei mir ja nicht so häufig vorkommt. Da gehe ich behutsam vor, da es für mich eine Art Neuland bedeutet. Auf jeden Fall wird nächstes Jahr wieder viel gereist und möglicherweise steht eine weitere Masterclass in Asien bevor, aber das sind ungelegte Eier.

Und last but not least: Was verbindest Du mit Zingst?

Ich war 2016 zum ersten Mal in Zingst, habe die Ehre gehabt, dort auf dem Umweltfotofestival „Horizonte Zingst“ auszustellen. Ich habe einen Ort kennengelernt, der, wie kaum ein anderer, Fotografie lebt, atmet, befeuert, fördert und konzentriert. Überall wird gelinst und geknipst, komponiert und fotografiert. Das hatte teilweise etwas Skurriles, wenn gefühlt hinter jedem Grashalm ein Objektiv auftaucht, begeisterte Hobby-Fotografen neben weltberühmten Koryphäen abends am Strand eine Caipirinha schlürfen. Neben all dem fast überpräsenten Geist der Fotografie habe ich aber noch einen weiteren, ernsthafteren Zug entdeckt: Den Enthusiasmus vieler Helfer und Engagierter, die sich zum Ziel gemacht haben, Fotografie als Kunst zu fördern und Fotografie einen Raum zu geben. Ach was, nicht nur einen Raum, einen kompletten, wunderbaren Küstenort!

Florian W. Müllers Arbeiten sind in der Gruppenausstellung „BFF Progressiv“ im Kunsthallenhotel Vier Jahreszeiten zu sehen und zwar vom 18.02. bis 30.04.2019. Der Fotograf führt am Mittwoch, den 6. März ab 18.30 persönlich durch die Ausstellung.

Edda Fahrenhorst

Co-Kuratorin +49162 4270167 edda.fahrenhorst@zingst.de

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