Franz Bischof und Jan Kuchenbecker – Die Letzten ihrer Zunft
25.02.2020

Franz Bischof und Jan Kuchenbecker – Die Letzten ihrer Zunft

Die Fotografen haben alle im Haupterwerb tätigen Fischer*innen an der deutschen Ostseeküste porträtiert.

Mit dem Ziel den traditionellen Berufsstand des Fischers in seiner Gesamtheit zu zeigen, bevor dieser durch erschwerte wirtschaftliche Zwänge, Überalterung, fehlenden Nachwuchs und immer restriktivere Umweltauflagen in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Die Porträtserie gibt den Fischern ein Gesicht, sie zeigt die Menschen hinter dem Beruf. Und zeichnet ein bildstarkes Abbild eines ganzen Berufsstandes.

Im Interview sprechen wir mit den Fotografen Franz Bischof und Jan Kuchenbecker über Fangquoten, Perspektiven für die deutschen Ostseefischer und warum alle Porträts nun zwischen zwei Buchdeckeln zu finden sind:

horizonte zingst: Wie sind Sie auf die Idee zu dem Projekt „Die Letzten ihrer Zunft“ gekommen?

Franz Bischof  und Jan Kuchenbecker: Das Meer und mit ihm die Fischer üben von jeher eine Faszination auf uns aus. Wir sind beide am oder mit dem Meer aufgewachsen. Jan hat tatsächlich Fischer in seinem Bekanntenkreis und bekam daher die für sie anstehenden Veränderungen mit. Auch in den Medien ist der Stereotyp des Fischers in Reportagen, Dokumentationen und Berichten zugegen, weil Fischer bei der Arbeit für Fotografen besonders authentische und emotionale Motive ermöglichen. Dass der Berufsstand der Fischer sich verändert und die Boote in den Häfen weniger werden, konnte man in den letzten Jahren beobachten. Als uns bewusst wurde, dass die meisten unserer heimischen Fischer kurz vor der Rente stehen und es nur wenige Nachfolger gibt, entstand die Idee zu dem Fotoprojekt.Wir entschieden uns für eine Porträtserie, denn sie gibt den Fischern ein Gesicht, zeigt die Menschen hinter dem Beruf. Auf den ersten Blick mögen manche der Bilder möglicherweise förmlich und zurückhaltend wirken in ihrer schieren Menge entsteht dabei jedoch ein bildstarkes Abbild eines ganzen Berufsstandes. Das ist einzigartig. Die ausgeleuchteten Gesichter verbergen dabei meist nichts, erzählen von der harten Arbeit auf dem Wasser und davon, dass es bald viele der deutschen Ostseefischer*innen nicht mehr geben wird.

Wo und wie lange haben Sie für das Projekt fotografiert?

Fotografiert haben wir im Zeitraum von Oktober 2018 bis Februar 2019 fast lückenlos an der gesamten deutschen Ostseeküste von Ost nach West. Wir waren in fast jedem Fischerhafen an der deutschen Ostseeküste, auf den Inseln, den Bodden-und Hafengebieten und Flussmündungen.

Wie haben Sie den Kontakt zu den Porträtierten hergestellt?

Das hat sich im Laufe der Reise gewandelt. Am Anfang haben wir uns einzelne Fischer rausgesucht, angerufen und gleich nach weiteren Kolleginnen und Kollegen vor Ort gefragt. Mit der Zeit wiederholten sich die Namen und man bekam ein Gefühl dafür, welche Fischer es vor Ort gibt. Das ist klassische, journalistische Recherche. Als wir etwa die Hälfte der Fischer fotografiert hatten, begann das Projekt eine Eigendynamik zu entwickeln. Die Fischer sind untereinander ziemlich gut vernetzt und wir wurden dann häufig zu den Kollegen weitergereicht. Ab diesem Moment lief die Kontaktaufnahme deutlich leichter.

Haben alle bereitwillig zugestimmt oder mussten Sie Überzeugungsarbeit leisten?

Etwa die Hälfte der Fischer standen dem Projekt nach der ersten Erklärung recht offen gegenüber. Bei einem Drittel mussten wir schon mehr Überzeugungsarbeit leisten und die Bedeutung, sowie Relevanz des Projekts erklären.Oft haben wir auch angeboten, sie einfach nur zu besuchen, ein paar Bilder zu zeigen und sich gegenseitig kennenzulernen – mitgemacht haben am Ende alle. Als Dank haben wir jedem der 228 Fischer sein Bild zukommen lassen.

Wo haben Sie fotografiert? Und welches Equipment haben Sie verwendet?

Fotografiert haben wir oft in Wohnzimmern, unter Carports, in Netz-Fischerhütten, Restaurants, unter freiem Himmel, im Hafen, Bushaltestellen und besonders häufig in nasskalten Fischhallen.Wir waren unterwegs mit einem mobilen Studio und einer robusten Akku-Blitzanlage. Der gesamte Aufbau mußte den teils widrigen Bedingungen mit Wind, Regen und Eiseskälte zumindest kurzfristig standhalten. Mit der Zeit waren wir so geübt, das wir unser mobiles Set-Up, direkt aus dem Auto heraus, in zehn Minuten aufbauen konnten.

Wie sind Sie dann beim Fotografieren vorgegangen?

Wir hatten uns vorab überlegt, dass wir Jeden in mindestens drei verschiedenen Posen fotografieren wollen. Viele unserer Fischer kamen nach langer und anstrengender Fangfahrt direkt von Bord und waren einfach erschöpft. Nach so einem langen Tag verfielen die meisten schnell in „ihre“ Pose und waren ganz natürlich und entspannt.ober 2018 bis Februar 2019 fast lückenlos an der gesamten deutschen Ostseeküste von Ost nach West. Wir waren in fast jedem Fischerhafen an der deutschen Ostseeküste, auf den Inseln, den Bodden-und Hafengebieten und Flussmündungen.

Sie arbeiten an einem Buch im Eigenverlag? Warum ein Buch?

Als wir anfingen, hatten wir nicht erwartet, dass es uns gelingen würde so viele Fischer*innen für die Teilnahme zu gewinnen – nun haben wir (fast) den gesamten Berufsstand porträtiert. Diesen aber in seiner Gesamtheit zu zeigen ist in einer typischen Magazinveröffentlichung kaum möglich. Ein Buch bietet genügend Platz, um den Betrachter noch einmal auf unsere Reise mitzunehmen.
Wenn man in zehn Jahren entlang der Küste fahren wird, wird es leider viele der heutigen Fischer nicht mehr als solche geben. Mit unserem Buch möchten wir den Ist-Zustand festhalten.

Was empfinden Sie bei dem Gedanken, dass dieser traditionelle Beruf, der seit Generationen Bestand hat, in Kürze aussterben wird?

Es ist natürlich schade mit anzusehen, dass in den nächsten Jahren vermutlich viele Fischer und damit verbunden ein Stück Kulturgeschichte verloren geht. Die Politik scheint sich aktuell grade dieser Dramatik bewusst zu werden, aber es bleibt zu befürchten, dass man nicht mehr schnell genug auf die aktuelle Situation reagieren kann. Viele Fischer haben uns erzählt, dass sie bereits in der sechsten oder achten Generation tätig sind. Die Fischerei an der Ostsee ist geprägt von kleinen Booten und der Stellnetzfischerei, welche einen verhältnismäßig geringen Eingriff in das Ökosystem bedeutet. Es scheint eigentlich ein Widerspruch zu sein, das in Zeiten in denen der Verbraucher nach mehr Nachhaltigkeit und regionalem Bezug sucht, die heimische Fischerei einer so düsteren Zukunftsperspektive entgegenblickt.
Wir denken zwar nicht dass der Beruf komplett aussterben wird, da aber sicher jeder zweite in den kommenden Jahren aufhören muss, wird in der Breite viel Wissen und Erfahrung verlorengehen.

Welche Begegnungen/Geschichten sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Nach anfänglicher Skepsis und Ablehnung gab es viele herzliche Begegnungen mit den Fischerinnen und Fischern. Nach dem Foto auf ein Bier und „Klön schnack“ beim Fischer eingeladen zu werden, war oft der Fall.

Sie haben auch jugendliche Fischer porträtiert – gibt es also noch Hoffnung für die deutschen Ostseefischer?

 Die meisten jungen Fischer treten in die Fußstapfen ihrer Väter. Es gibt dann Hoffnung wenn sie in den gut vorbereiteten Familienunternehmen mitarbeiten und diese später übernehmen können. Der Schlüssel zur Überlebensfähigkeit ist die direkte, lokale Vermarktung vor allem an Touristen und Stammgäste. 

 

Partner der Ausstellung sind das Magazin Mare, Epson und Filmolux.

Alle Fotos © Franz Bischof und Jan Kuchenbecker

Das Interview führte Nina Hesse per E-Mail.

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