„Heinz Wohner – Hüter der Zeit“
26.04.2019

„Heinz Wohner – Hüter der Zeit“

Heinz Wohner „pilgerte“ zu uralten Eichen und Linden, Mammutbäumen, knorrigen Süntel-Buchen, verwunschenen Ulmen, steinalten Apfel- und Birnbäumen. Weil sie bis in die heutige Zeit überlebt haben, sind diese alten Bäume für Heinz Wohner die „Hüter der Zeit“.

Das Bewusstsein, die alten Bäume wertzuschätzen und zu schützen möchte Heinz Wohner stärken. Sein Anliegen ist es, den heute noch jungen Bäumen eine Chance zu geben, überhaupt erst einmal zu solchen mehrhundertjährigen Baum-Persönlichkeiten heranzuwachsen. Um die würdevolle Aura dieser alten Baumgestalten zu betonen,wählte Heinz Wohner die Technik der handkolorierten Schwarzweiß-Fotografie. Die Bäume werden zunächst ganz klassisch analog auf Schwarzweiß-Film fotografiert, um anschließend in allen Details von Hand koloriert zu werden. Jedes Bild wird so zu einem Unikat. Diese extrem zeitaufwendige und diffizile Arbeit führt schließlich zu magischen Bildern, die über das rein Dokumentarische hinausgehen und in ihrer subjektiven Farbigkeit eine ganz persönliche Interpretation des Gesehenen darstellen

Mit seinen Bildern möchte der Fotograf das Wesen des Baumes erfassen, seine Seele darstellen, ihn in seiner ganz speziellen Eigenart porträtieren. Die Faszination und Verbundenheit, die Deutschlands älteste Bäume auf den Fotografen ausüben, ist seit 20 Jahren die stärkste Triebfeder seines Projekts.

Im Interview erzählt Heinz Wohner mehr über sein Projekt, seine Arbeitsweise und das dazugehörige Buch:

horizonte zingst: Herr Wohner, wie sind Sie auf die Idee zu „Hüter der Zeit“ gekommen und warum?

Heinz Wohner: Alte Bäume haben mich eigentlich seit ich denken kann fasziniert, doch wirklich angefangen hat für mich alles mit einer alten Eiche. Sie steht frei auf einer Wiese am Rand des Reinhardswaldes und ist schon viele Jahrzehnte lang „mein“ Baum gewesen. Wie oft habe ich sie besucht, zu verschiedenen Jahreszeiten, sie aus unterschiedlichen Perspektiven fotografiert. Hier wurde der Grundstein gelegt für mein Projekt, denn spätestens nachdem ich auch die gleich nebenan im Urwald Sababurg stehenden alten Eichen und Buchen fotografiert hatte, war mir klar, dass ich auch alle anderen alten Bäume in Deutschland kennenlernen wollte. Ich konnte damals allerdings noch nicht ahnen, dass mich dieses Projekt 20 Jahre lang beschäftigen und zu mehreren hundert Baum-Methusalems führen sollte.

Was hat Sie bei der Arbeit besonders fasziniert, was hat Sie vielleicht sogar erschreckt?

Fasziniert hat mich von Anfang an, wie viele alte Bäume es in unserem dicht besiedelten Land glücklicherweise noch gibt. Das erstaunt mich eigentlich noch immer. Mich erschreckt jedoch, was in dieser für alte Bäume eher kurzen Zeitspanne an Veränderungen stattgefunden hat: nicht wenige Bäume haben tragende Äste verloren, manche sind gänzlich auseinander gebrochen und nur noch Ruinen. Natürlich müssen auch diese scheinbar für die Ewigkeit gemachten Bäume irgendwann sterben, aber wenn sich über die Jahre so ein starkes Gefühl der Verbundenheit entwickelt hat, ist es schon so, als würde ich einen Freund oder ein Familienmitglied verlieren.

Wie lange hat die Arbeit an diesem Projekt gedauert?

Vor etwas mehr als  20 Jahren, im Herbst 1998, habe ich begonnen, die alten Bäume in Deutschland zu besuchen und zu fotografieren. Es war klar, dass dies eine Aufgabe für ein fotografisches Langzeitprojekt werden würde, aber dass es mich über einen derart langen Zeitraum beschäftigt hat, liegt nicht nur an meiner Faszination für das Thema, sondern auch an der Technik, die ich gewählt habe, um die Bäume zu portraitieren: die handkolorierte Schwarzweiß-Fotografie.

Wie sind Sie fotografisch vorgegangen?

Die Bäume wurden zunächst ganz klassisch analog auf Schwarz-Weiß-Film fotografiert. Die Vergrößerungen entstanden dann in ebenfalls altertümlicher Dunkelkammer-Arbeit auf Baryt-Papier, um dann anschliessend in allen Details von Hand koloriert zu werden, mit Eiweisslasurfarben und feinem Pinsel. Jedes Bild wird so zu einem Unikat. Diese extrem zeitaufwendige und diffizile Arbeit ermöglichte immer nur einen begrenzten „Output“ an Bildern pro Jahr, daher erklärt sich auch der lange Zeitrahmen für dieses Projekt. Ich habe die Handkolorierung schon ganz zu Beginn meines Studiums vor 40 Jahren - also lange vor den Möglichkeiten von Digitalfotografie und Photoshop - als eine interessante Ausdrucksform für mich entdeckt, die zu magischen Bildern führt, welche über das rein Dokumentarische hinausgehen und in ihrer subjektiven Farbigkeit eine ganz persönliche Interpretation des Gesehenen darstellen.

Wie haben sie die Nähe/Vertrautheit erzeugt, die Sie offensichtlich zu den Bäumen auf Ihren Bildern haben?

Die musste ich nicht erzeugen, sie war einfach da. Ohne die Bäume vermenschlichen zu wollen: Sie berühren mich, und ich will mich gerne von ihnen berühren lassen. Ich sehe in einem alten Baum auch kein fotografisches Objekt, sondern eine Persönlichkeit, die ich portraitieren möchte. Und so wie es der Sinn einer guten Portraitfotografie ist, nicht nur das Äussere eines Menschen abzubilden, sondern sein Wesen spürbar werden zu lassen und darzustellen, so ist es auch das Ziel meiner Arbeit, das Wesen des Baumes zu erfassen, seine Seele darzustellen, ihn zu portraitieren in seiner ganz speziellen Eigenart, und dabei doch kein schlichtes Abbild, sondern ein Sinnbild zu schaffen. Zu einer guten Portraitfotositzung mit einem alten Baum gehört für mich dann auch dazu, dass ich mich mit Respekt und Demut von ihm verabschiede, mich ihm zum Abschied noch einmal zuwende und mich für die Bilder bedanke, die er mir geschenkt hat. Das mag für manch einen schon zu esoterisch klingen, aber für mich ist es eine Selbstverständlichkeit.

Gibt es ein Ziel, das Sie mit dem Projekt zu erreichen hoffen?

In den Bildern dieses Projekts soll mein Gefühl einer fast schon familiären Vertrautheit mit den alten Bäumen ihren Ausdruck finden, und ich möchte mit diesen Bildern auch nichts anderes, als im Betrachter ein ebensolches Gefühl der Verbundenheit wecken oder verstärken. Ich würde mich freuen, wenn die Bilder einen Beitrag dazu leisten, die alten Bäume zu wertschätzen und zu schützen. Doch ein eigentlich noch viel wichtigeres Anliegen ist es, vor allem auch den heute noch jungen Bäumen genau so eine Chance zu geben, überhaupt erst einmal zu solchen mehrhundertjährigen Methusalems heranzuwachsen, die späteren Generationen etwas geben und erzählen können. Ob es auch in einhundert oder zweihundert Jahren noch alte Bäume geben wird, liegt auch an uns.

Die Arbeit ist im Frederking & Thaler Verlag erschienen: Warum ein Buch?

Ein Buch ist etwas bleibendes, so hoffe ich zumindest. Mit dieser Bilder-Sammlung möchte ich die Leser mitnehmen auf eine Reise zu den alten Bäumen in Deutschland, und ihnen die Möglichkeit geben, etwas von der Aura der Bäume zu spüren, auch ohne sie vielleicht alle selbst besuchen zu können. Wenn ich darüber hinaus noch jemanden dazu anregen kann, sich auf den Weg zu den Bäumen in der näheren Umgebung zu machen, dann wäre das umso schöner, denn der Weg lohnt sich.

Haben Sie Pläne für ein neues Projekt?

Ausser für die Bäume setze ich die Handkolorierung auch gerne für „literarische Reisen“ ein, als Illustrationen z.B. zu den Kriminalromanen von Donna Leon oder Henning Mankell, aber auch zu Hermann Hesse oder Theodor Fontane. Wenn der Verlag mitzieht, wäre ein Buch in dieser Richtung sicher ein wunderbares neues Projekt.

Die Ausstellung „Hüter der Zeit“ wird vom 12.03.2019 bis zum 30.04.2019 im Max Hünten Haus Zingst zu sehen sein. Am 25.04.2019 wird der Fotograf zur Finissage und einer Lesung im Max Hünten Haus anwesend sein.

Partner der Ausstellung: Epson

www.heinzwohner.de

Aufgeschrieben von Nina Hesse

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