„Homage to Humanity“ – Jimmy Nelson und Lars Lindemann im Interview
16.05.2019

„Homage to Humanity“ – Jimmy Nelson und Lars Lindemann im Interview

Der Fotograf Jimmy Nelson wird von einer großen Idee um die Welt getragen: Es ist sein Ziel, Traditionen und Bräuche möglichst vieler indigener Volksgruppen in seinen Fotografien zu inszenieren, sie zu dokumentieren und ihnen damit ein Denkmal zu setzen. Für ein Stückchen Ewigkeit.

Wir haben ihn gefragt, warum er um die Welt reist, wie er den Menschen so nahe kommt und wie seine spektakulären Gruppenbilder entstehen.

Und da die Ausstellung „Homage to Humanity“ in Zusammenarbeit mit dem Magazin GEO entstanden ist, wollten wir außerdem von dem Director of Photography Lars Lindemann wissen, was für ihn die Fotografie von Jimmy Nelson ausmacht.

Interview in English*

Herr Lindemann, Sie haben Jimmy Nelson für eine Ausstellung beim Umweltfotofestival »horizonte zingst« vorgeschlagen – warum?

Lars Lindemann: Jimmy ist berühmt für seine Porträts indigener Völker. Meist vor spektakulären Landschaften aufgenommen. Er ist ein Sammler und Chronist der Kulturen der Welt, auf deren Bedrohung er mit seinen opulent-inszenierten Bildserien aufmerksam machen möchte. Seine Fotografien sind dabei leicht zugänglich und unterhaltsam. So erreicht er mit einem ernsten Thema ein breites Publikum. Meines Erachtens ist Jimmys Werk somit ideal für Zingst.

Doch von Anfang an: Mr. Nelson, wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

Jimmy Nelson: Als ich siebzehn Jahre alt war, verließ ich das Internat im Vereinigten Königreich und wanderte zwei Jahre durch Tibet. Um meine Reise zu dokumentieren, nahm ich eine alte Kamera und vier Rollen Film mit. Als ich 1988 von der Reise zurückkehrte, wurden die Bilder von diesen vier Rollen veröffentlicht und das war der Beginn meiner fotografischen Reise.

Wann, wie und warum haben Sie Ihr Thema gefunden?

Jimmy Nelson: Ich habe mein Thema – die respektvolle Annäherung und Liebe zu den indigenen Völkern der Welt – auf genau dieser Reise durch Tibet gefunden. Seither habe ich den größten Teil meines Lebens mit diesem Thema verbracht, schon als Kind lebte ich an vielen verschiedenen Orten, da mein Vater als Geograf auf der ganzen Welt arbeitete.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wo Sie fotografieren?

Jimmy Nelson: Die Auswahl richtet sich oft nach einer geografisch isolierten Lage – die Gemeinschaften, die in einigen der letzten und unberührtesten natürlichen Lebensräume der Welt leben, sind sehr tief in ihrer Kultur verwurzelt. Früher habe ich die Gemeinschaften ausgewählt, mittlerweile werde ich aber auch oft von ihnen angesprochen, da das Projekt online eine hohe Aufmerksamkeit erfährt.

Wie finden Sie den Zugang zu den Gemeinschaften?

Jimmy Nelson: Mit viel Geduld, Zeit, Demut, Großzügigkeit, Zerbrechlichkeit und letztendlich Liebe.

Und wie schaffen Sie es im Anschluss, so intensiv und nah mit den Menschen zu arbeiten?

Jimmy Nelson: Das ist ähnlich: Die Intensität der Nähe ergibt sich aus dem Respekt und aus der Zerbrechlichkeit, die mein Besuch mit sich bringt. Ich verbringe dann vor Ort nur wenig Zeit mit dem Fotografieren, sehr viel mehr Zeit verbringe ich damit, zu sitzen, zuzuhören, zu berühren, zu tanzen, zu lachen und den Gemeinschaften meinen Respekt und Interesse zu zollen.

Ist es jemals passiert, dass Sie ohne ein Foto nach Hause gefahren sind?

Jimmy Nelson: Ich bin immer mit Bildern nach Hause gekommen – ob das allerdings immer die Fotos sind, die ich will, ist nicht unbedingt gesagt. Ich reise deshalb oft zurück zu den Gemeinschaften, weil ich noch bessere Bilder machen möchte.

Wie entstehen die Gruppenbilder?

Jimmy Nelson: Die Gruppenbilder entstehen mit viel enorm viel Geduld, Zeit und Würde. Die Idee dahinter ist, eine künstlerische, ikonische Darstellung dessen zu schaffen, wie diese Menschen leben, glauben und zu ihrer stolzen Kultur in unberührter Natur stehen und sie schätzen. Ich versuche außerdem, eine Art visueller Signatur zu kreieren, damit der Betrachter sofort sieht, dass die Bilder von mir sind.

Gerade auch im Hinblick auf die inszenierten Gruppenbilder – Herr Lindemann, was macht für Sie die Fotografie von Jimmy Nelson aus?

Lars Lindemann: Seine Arbeiten sind eher träumerisch, was ja in der Fotowelt durchaus kontrovers diskutiert wird. Doch erreicht er damit sehr, sehr viele Menschen und weißt sie auf den allerorten drohenden Kulturverlust hin. Natürlich zeichnet er dabei ein stark idealisiertes Bild der bedrohten Ethnien. Selbst in den Gemeinden erst jüngst kontaktierter Völker im Amazonas tragen die Menschen inzwischen Fußball-Trikots von Bayern München oder Real Madrid – nur noch selten sehen sie aus wie auf Jimmys Bildern. Das stellen wir immer wieder fest, wenn GEO-Fotografen von Reportagereisen aus extrem abgelegenen Weltregionen zurück kehren. Doch genau darum geht es Jimmy Nelson ja auch. Er zeigt symbolisch, was an Kultur unwiederbringlich verloren gehen wird. Das Äußere steht dabei stellvertretend für verschiedene Aspekte von Kultur wie beispielsweise Sprache und Rituale.

Mr. Nelson, im Rückblick auf all Ihre Reisen: Welcher war der schlimmste Moment und welcher der Beste?

Jimmy Nelson: Es gibt keinen schlimmsten oder besten Moment, denn der Moment dazwischen ist der Entscheidende. Der Moment, in dem du eine Gemeinschaft verlässt und zu einer anderen aufbrichst, wenn du dein Zuhause verlässt, um nach Papua-Neuguinea zu fliegen. Oder wenn Du Papua-Neuguinea verlässt und zurück nach Hause fährst. Der Moment, in dem du hoch über den Wolken in einem Flugzeug sitzt. Wenn du nach unten schaust und nachdenkst, dich wunderst, dich erinnerst, lachst und weinst über alles, das richtig gelaufen ist und alles, was falsch gelaufen ist auf der spektakulärsten Reise, die du gerade gemacht hast und die, die noch kommen werden.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Jimmy Nelson: Meine Pläne für die Zukunft sind endlos. Sie alle basieren auf einer ästhetischen Dokumentation von indigene Kulturen auf der ganzen Welt. Im Moment starte ich damit, mit einer 8x10''-Plattenkamera zu arbeiten.

Doch zurück in die Gegenwart – Herr Lindemann, worauf freuen Sie sich beim Fotofestival in Zingst.

Lars Lindemann: Ich freue mich auf die vielen großartigen Ausstellungen und Vorträge von hervorragenden Fotografen. Begegnungen mit sehr geschätzten Kollegen und die wunderbare Location runden das Festival-Erlebnis für mich ab. Besonders freue ich mich aber darauf, das alles gemeinsam mit meinem 8jährigen Sohn zu erleben. Denn Zingst ist wirklich ein Festival fuer die ganze Familie.

Und last but not least: Mr. Nelson, was bedeutet es für Sie, Ihr Projekt "Hommage to Humanity" auf dem Fotofestival in Zingst zu zeigen?

Jimmy Nelson: Es bedeutet mir alles. Es ist der Traum eines jeden Fotografen, auf einer so großen, privilegierten und prestigeträchtigen Bühne die eigene Arbeit und Leidenschaft für so viele Monate und so vielen Menschen zu zeigen. Es ist der ultimative Stolz und die ultimative Auszeichnung. Ich bin sehr dankbar. Danke.

Der Fotograf Jimmy Nelson wird zur Vernissage am 25.05.2019 um 11:00 Uhr anwesend sein. Die Ausstellung enstand in Zusammenarbeit mit dem Magazin GEO und dem Printpartner Epson.

Karten für die Multivisionsshow "Homage to Humanity" kann man hier buchen.

English

A wonderful concept has taken the photographer Jimmy Nelson all around the world: it was the idea of bringing the traditions and customs of as many indigenous groups as possible into his pictures, with the aim of documenting them and consequently creating a monument to them – for a small piece of eternity.We asked him why he travels around the world, how he gets so close to people and how his spectacular group pictures are created.And since the exhibition "Homage to Humanity" was created in collaboration with the magazine GEO, we also asked Lars Lindemann, Director of Photography, what Jimmy Nelson's photography means to him.

Mr. Lindemann, it was you who suggested Jimmy Nelson for an exhibition in Zingst. Why was that?

Lars Lindemann: Jimmy is well known for his portraits of indigenous peoples, taken predominantly in front of spectacular landscapes. He is a collector and chronicler of world cultures, and he wants his opulently-staged picture series to draw attention to the threat to these cultures. His photographs are easily accessible and entertaining. This is how he reaches a broad audience with a very serious subject. In my opinion, Jimmy's work is ideal for Zingst.

But from the beginning: Mr. Nelson, how did you get into photography?

Jimmy Nelson: This happened when I was seventeen years old, when I left boarding school in the United Kingdom, and I spent two years walking across Tibet. As a documentation of that journey, I took an old camera with me and four rolls of film. Those films were published upon my return at the age of nineteen, in 1988. That was the beginning of my journey of photography.

When, how and why did you find your topic?

Jimmy Nelson: I think I found my topic on this journey, when I was seventeen and travelling through Tibet. This topic of a respectful representation and love for indigenous cultures around the planet. I have been doing that for essentially the biggest part of my life. Even as a child, I lived in many different places due to my father who worked as a geographer.

According to which criteria do you decide where to photograph?

Jimmy Nelson: This has to be based on a geographically isolated location. The communities are very much deeply and aesthetically in touch with their culture, living in some of the world’s last and most untouched natural settings. I used to choose them, by default they now choose me due to the online recognition of the project.

How do you approach the people?

Jimmy Nelson: You approach the people with an enormous amount of patience, time, humility, generosity, fragility and, ultimately, love.

How do you manage to work with people so intensively and with such closeness?

Jimmy Nelson: This is much the same: the intensitivity of the closeness is out of respect and fragility and vulnerability on behalf of me visiting. Very little time is spent taking pictures, an awful lot of time is spent sitting, listening, touching, dancing, laughing and showing respect and interest.

Has it ever happened, that you went home without a photo?

Jimmy Nelson: I have always gone home with pictures. Whether these are pictures that I want is debatable. I often return to communities because I want to raise the standard of the pictures.

How are the group pictures created?

Jimmy Nelson: The group pictures are created with an enormous amount of patience, time and dignity. The idea behind them is to create an artistic iconic representation of how these people stand, live, hold, believe, and cherish their proud culture in these untouched natural settings. I am also trying to create some sort of visual signature, so people can recognise that I have made them.

Especially with regard to the staged group pictures – Mr. Lindemann, what is it about Jimmy Nelson's photography that you consider makes it unique?

Lars Lindemann: His work is somewhat dreamy, which provokes a controversial discussion within the world of photography; but it is in this manner that he reaches many, many people, and makes them aware of the threat of cultural loss everywhere. Of course, in the process he paints a very idealised image of the ethnicities under threat. Even communities in the Amazon region, where contact had only recently been established, are already wearing football shirts from Bayern München or Real Madrid – it's only rarely that they look the way Jimmy portrays them in his pictures. This is increasingly confirmed by GEO photographers returning from reportage trips into isolated parts of the world; but that's exactly what the issue is for Jimmy. He shows symbolically the cultural aspects that could be irretrievably lost. The external appearance is representative for the diverse features of the cultures, such as language and rituals.

In retrospect on all your travels: which was your worst moment and which your best?

Jimmy Nelson: There really isn’t a worst or a best moment, but the moment in between is the definitive moment. That moment when you leave one journey and go to another, when you leave home, and go to Papua New Guinea. Or when you leave Papua New Guinea and go back home. That moment, when you’re high above the clouds, sitting on an aeroplane. When you’re looking down and thinking, wondering, remembering, laughing, crying about everything that went right and everything that went wrong on the most spectacular journey that you just made and those that are about to come.

What are your plans for the future?

 

Jimmy Nelson: My plans are un-ending about the future. They are all based on an aesthetic documentation of indigenous cultures around the world with cameras. At the moment, I am beginning to work on a 10x8 plate camera.

 

Mr. Lindemann, what are you looking forward to at the photo festival in Zingst?

Lars Lindemann: I'm looking forward to the many great exhibitions and presentations by outstanding photographers. Encounters with esteemed colleagues and the wonderful location round off the festival experience for me. I am particularly happy also to be sharing all this with my eight year-old son, because Zingst really is a festival for the whole family.

And last but not least: what does it mean to you to show your "Homage to Humanity" at the photo festival in Zingst?

Jimmy Nelson: It means everything to me. It is the dream of every creator or photographer to have the opportunity on such a large and privileged and prestigious stage with such a large number of people outdoors for so many months to show one’s work and passion. It is the ultimate pride and the ultimate accolade. I am very grateful. Thank you very much.

Das Interview führte Edda Fahrenhorst.

Fotos: Copyrigh Jimmy Nelson

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