„Johnny Miller – Unequal Scenes“
26.03.2019

„Johnny Miller – Unequal Scenes“

Der US-Fotograf Johnny Miller hat es sich zum Ziel gemacht, mit Hilfe von Drohnenfotografie den Blickwinkel auf soziale Fragen zu verändern. Die Fotografie aus der Vogelperspektive eröffnet eine neue objektive Betrachtungsweise auf gesellschaftliche Ungleichheiten und soll einen Diskurs anregen.

Im Interview verrät Johnny Miller, wo und wie er die zu fotografierenden Orte findet und welch intensive Vorarbeit der Einsatz einer Drohne bedarf. Und da die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Magazin Stern entstanden ist, haben wir auch den Bildchef Andreas Kronawitt gebeten, Johnny Millers Fotografie von seiner Warte aus zu beleuchten:

 

horizonte zingst: Herr Kronawitt, was fasziniert Sie an der Arbeit von Johnny Miller?

Andreas Kronawitt: Die Faszination die von Johnny Millers Arbeit ausgeht, ist nicht nur eine formal gestalterische, fotografische, sondern eine ganz stark inhaltliche Faszination. Die gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich scheint so unüberwindbar und ist oft nur wenige Schritte entfernt. In der Arbeit "Unequal Scenes“ wird es so schmerzhaft augenscheinlich, was es bedeutet reich oder arm zu sein. Sie macht offensichtlich über welche Ressourcen man verfügt, oder eben nicht. Raum, Platz, Wasser, Elektrizität, Mobilität und alles was damit in Zusammenhang steht. All das entfaltet sich beim Betrachten dieser Arbeit. Sind doch die Welten der rostigen, windschiefen, engen Wellblechhütten und die weißen Villen mit ihren gepflegten, großzügigen Gärten, den Pools und Carports, vermeintlich so meilenweit voneinander entfernt. So wird uns in diesen Fotos der Unterschied in den Lebenswelten und ihre Gleichzeitigkeit, wie ihr Nebeneinander, auf so krasse und eindrückliche Weise vor Augen geführt.

Mr. Miller, wir möchten Sie bitten, sich kurz vorzustellen.

Mein Name ist Johnny Miller, 38 Jahre, geboren in Maryland (USA). Vor sechs Jahren bin ich nach Südafrika gezogen, um an der University of Cape Town einen Master-Abschluss in Anthropologie zu machen. Ich bin Fotograf, arbeite aber auch schreibend, bearbeitend und produzierend im Bereich Video. Und leite eine NGO: africanDRONE.

Bitte bechreiben SIe ihren fotografischen Werdegang?

Als ich 29 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal eine Kamera in die Hand genommen und habe mir  beigebracht, wie man damit umgeht – ich wollte die Fotografie erlernen, um damit ein Unternehmen zu gründen. Seitdem ist das Visual Storytelling mein Werkzeug, aber das betrifft nicht nur die Fotografie; ich schreibe, bearbeite, produziere, drehe und bearbeite auch Videos.

Wie sind Sie auf die Idee zu "Unequal Scenes" gekommen? Und warum haben Sie für die fotografische Umsetzung den Einsatz einer Drohne gewählt?

Ungleichheit ist ein wichtiger Teil im Leben Kapstadts. Von der ersten Minute an, in der man in Kapstadt landet, ist man von Blechütten umgeben. Wenn man den Flughafen verlässt, fährt man etwa 10 Minuten an ebenjenen Hütten vorbei, bis man die wohlhabenderen Vororte erreicht, in denen privilegierte Menschen (auch ich) leben.Ich fand es seltsam, wie leicht es war, sich an die Ungleichheit zu gewöhnen. Jeden Tag an diesen Hütten vorbeizufahren, aber nicht wirklich darüber nachzudenken oder etwas dagegen zu tun. Also beschloss ich, mich des Themas anzunehmen. Und das mittels einer Luftaufnahme des Problems, um die Perspektive der Menschen buchstäblich zu ändern. Also kaufte ich im April 2016 eine Drohne, machte einige Fotos aus der Luft und das war der Beginn von „Unequal Scenes“.Ich denke, die eigentliche Wirkung des Projekts und der Grund, warum es sich so weit verbreitet hat, ist, dass es ein Gefühl der Relevanz für das bürgerliche Publikum schafft. Indem sie sich innerhalb der Fotos befinden – auf der "reichen Seite" der Kluft – schaffen die Fotos eine Relevanz und potenziell eine einfühlsame Reaktion, die ganz anders ist, als Bilder vom Boden aus zu sehen oder Bilder, die nur Armut zeigen. Dies ist meiner Meinung nach der innovative Teil des Projekts, der es ermöglicht hat, neue und unterschiedliche Interessengruppen zu erreichen.Darüber hinaus bahnt sich das Projekt seinen Weg mit der Technologie, die hinter den Bildern steht und wirft damit die Fragen des demokratischen Zugangs zu Informationen, Analysen und Fernerkundung auf.

Wie haben Sie die zu fotografierenden Orte ausfindig gemacht?

Der Prozess des Fotografierens setzt eine intensive Recherche voraus. Aus einer Kombination von Daten, Nachrichten, persönlichem  Interesse, Reiseplänen, Karten und Gesprächen mit Menschen identifiziere ich die Orte, wo sich der Drohneneinsatz lohnen würde. In Südafrika und den USA habe ich mich zum Beispiel auch stark auf persönliche Erfahrungen und Informationen aus vorangegangenen Volkszählungen verlassen. In Mexiko-Stadt habe ich mich von einem Hubschrauberpiloten, Carlos Ruiz, und persönlichen Freunden beraten lassen. In Indien benutzte ich bestimmte Karten der Slums. Es gibt also eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie ich meine Recherchen durchführe.Sobald ich die Bereiche identifiziert habe, die ich fotografieren möchte, visualisiere ich sie in Google Earth und versuche, einen Flugplan zu erstellen. Dazu gehört die Berücksichtigung von Luftrecht, Flugsicherheit, persönlicher Sicherheit, Akkulaufzeit, Reichweite, Wetter, Winkel, Tageszeit und vielen weiteren Faktoren. Ganz zu schweigen von der Logistik, die für Luftbildaufnahmen auf der ganzen Welt erforderlich ist - Hotels, Mietwagen, verschiedene Sprachen. Oftmals habe ich einen Freund, einen Kollegen dabei der mir hilft – aber manchmal bin ich ganz allein.

Wie haben Sie Ihre fotografische Perspektive entwickelt?

„Unequal Scenes“ ist ein visuelles Projekt, es wird vollständig von der definierenden Ästhetik einer Drohne angetrieben, die direkt auf die größten Gräben der Ungleichheit in den Ländern der Welt blickt. Ich glaube, dass damit ein bisher fehlender visueller Hinweis gegeben wird, nämlich ein einziges Bild, das Ungleichheiten auf ikonische, monolithische Weise zusammenfassen kann. Der Einstiegspunkt der starken Bilder ermöglicht es dem Betrachter dann, auf die Daten, den Kontext und die Nuancen in jeder Geschichte auf meiner Website oder in verschiedenen Daten und Interviews zuzugreifen, die ich geteilt und zugänglich gemacht habe.

An welchen Orten haben Sie bereits fotografiert? Werden Sie das Projekt auf andere Orte ausweiten?

Ich habe bisher in sechs Ländern fotografiert – Tansania, Kenia, Südafrika, Indien, Mexiko und USA – , und das in mehreren Städten in jedem Land. Ich würde das Projekt sehr gerne auf Lateinamerika, einschließlich Brasilien, ausweiten und auch Südostasien interessiert mich. Erweitert werden soll das Projekt übrigens dann auch mit Portraits der Bewohner.

Was haben Sie bei der Durchführung des Projekts feststellen können?

Ich liebe die Luftbildfotografie, weil sie uns eine emotionale Distanz ermöglicht und weil sie uns gleichzeitig durch die vielen Details erlaubt, intensiv in die Bilder einzusteigen. Schon als Kind verbrachte ich Stunden damit, Karten anzuschauen. Bei meinen Luftbildern ist es genauso – man kann sich fast in ihnen verlieren. Deswegen sind für mich die Bilder von „Unequal Scenes“ wichtig: Mit einer gewissen formalen Entfernung fordern sie uns gleichzeitig dazu auf, über die Ungleichheiten in den Gesellschaften nachzudenken

Welches Ziel möchten Sie mit „Unequal scenes" erreichen?

Ich hoffe und beabsichtige, dass die Fotos dazu führen, dass die Betrachter ins Grübeln kommen, sich damit auseinandersetzen, darüber sprechen, denn nur so können wir beginnen, das Ausmaß des Problems zu verstehen, und durch dieses Verständnis konnten wir Lösungen entwickeln.

Gibt es bereits Pläne für zukünftige Projekte?

Ja, ich bin der Gründer von africanDRONE, meiner in Südafrika gegründeten NGO. Wir setzen Drohnen für gute Zwecke ein und unterstützen Technologieprojekte in ganz Afrika. Ich habe ein neues Migrationsprojekt, das ich gleich mit der Atlantic Fellowship beginnen werde, was mir beim Auspacken wichtig ist, zumal ich mich selbst manchmal von meiner Heimatkultur und meinem Land getrennt fühle.

And last but not least: Was bedeutet Ihnen die Teilnahme am 12. Umweltfotofestival »horizonte zingst«?

Es ist eine große Ehre, in Zingst dabei zu sein, vor allem, weil die Kuratoren und Festivalgäste sich wirklich für die Fotografie als Kunstform und als Kommunikationsmittel interessieren. Ich habe “Unequal Scenes” immer zuerst als Kunst und dann als Aktivismus gesehen – so muss es aber gar nicht wahrgenommen werden. Ich freue mich jedenfalls, an einem Festival teilzunehmen, das meine Arbeit so ausführlich in einer großen Open-Air-Ausstellung zeigtWelches Ziel möchten Sie mit „Unequal scenes" erreichen?

Herr Kronawitt, warum passt „Unequal Scenes“ Ihrer Meinung nach gut in das Ausstellungsprogramm von „horizonte zingst“?

Das Umweltfotofestival »horizonte zingst« ist angetreten, um den Horizont zu erweitern. Genau deshalb ist Zingst der ideale Ort um diese Fotoserie zu präsentieren. Denn Umwelt ist ja nicht nur die bedrohte Tierwelt, Landschaft oder Pflanzenwelt. Auch die ganz konkrete und direkte Lebenswelt des Menschen zeigt Millers Arbeit "Unequal Scenes" in hervorragender Weise. Ein Ausrufezeichen gegen die ungleichen Lebensverhältnisse direkt „nebenan“. Seine Arbeit schafft Aufmerksamkeit, für die Verteilung von Ressourcen, stellt Fragen nach Gerechtigkeit und sie kann uns anhalten sorgsam mit ebendiesen Ressourcen umzugehen.

 

Die Open-Air-Ausstellung ist vom 25.05. bis 15.09.2019 auf dem Postplatz I in Zingst zu sehen. Sie entstand aus der Zusammenarbeit mit der Bildredaktion des Magzins „stern“ und den Partnern Epson und ChromaLuxe. Johnny Miller wird zur Vernissage am 26.05. um 18:00 Uhr anwesend sein, und am 27.05. nochmal persönlich durch seine Ausstellung führen. Im Hotel Vier Jahreszeiten gibt es am 27.05.2019 um 10:00 Uhr einen photographers talk mit dem Fotografen vor der Videowall, der ebenfalls eine bildgewaltige Darstellung des Themas beinhaltet.

Das Interview führten Edda Fahrenhorst und Nina Hesse.

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