Lars Borges – Imperial County
13.03.2019

Lars Borges – Imperial County

Mit seinem Projekt liefert der Fotograf einen Ausblick auf die Zukunft, wenn wir weiter die Ressourcen verschwenden, Märkte deregulieren und Menschen und Umwelt als Kapital behandeln. Vor allem aber ist das Projekt eine Annäherung an die Menschen, die im Imperial County leben und arbeiten.

Bittere Armut und extreme Klimabedingungen herrschen im Imperial County*. Trotzdem ist die Region im südlichen Kalifornien einer der größten Alfalfa-, Wintergemüse- Salatproduzenten der USA – dank  Wasserrechten, die vor mehr als 100 Jahren verteilt wurden und dank des Colorado Rivers, der ebenfalls zu der Zeit in die Wüste umgeleitet wurde.   Der Berliner Fotograf Lars Borges hat dieses Agrarphänomen inmitten unwirtlicher Landschaft auf einer seiner Flugreisen per Zufall entdeckt und verbrachte daraufhin immer wieder mehrere Wochen mit seiner Kamera in dem Landstrich, der ganz im Süden der USA an Mexiko grenzt. „Das Imperial County ist ein verrückter Ort, wie ich noch keinen zweiten gesehen habe – ich war sofort  fasziniert und erschrocken zugleich. Das Projekt jedenfalls ist für mich ein stellvertretendes Stimmungsbild Amerikas.“ Und so spart Borges auch nicht mit fotografischen Kommentaren zu der ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Lage der Region.  Vor allem aber ist das Projekt eine Annäherung an die Menschen, die im Imperial County leben und arbeiten.  Mit Ihnen hat er den Alltag, die Sorgen und Nöte, aber auch Spaß, Freizeit und Entspannung geteilt – entstanden ist eine sehr persönliche, beinahe liebevolle und dabei angesichts dessen, was in dem Landstrich passiert, engagierte und dennoch etwas fassungslose Sammlung an Bildern, die vom 18. Februar bis zum 30.  April 2019 in der Leica Galerie Zingst gezeigt wird.  

Warum Lars Borges ein so großes freies Projekt fotografiert hat, was ihn bewegt und erschreckt hat und warum daraus ein Bildband geworden ist (erschienen 2017 im Kehrer Verlag), verrät er im Interview:

Herr Borges, wie sind Sie auf die Idee zu „Imperial County“ gekommen und warum?

Ich arbeitete zu dem Zeitpunkt an einer Auftragsarbeit für adidas und das Shooting war in zwei Teile zwischen New Orleans im Süd-Osten und San Diego im Süd-Westen der Vereinigten Staaten aufgeteilt.  Auf dem Flug von Louisiana nach Kalifornien – quer über den Süden der USA hinweg – hing ich meinen Gedanken nach und schaute aus dem Fenster… eigentlich sieht man stundenlang nur Wüste, Steppe und Ödland, doch plötzlich, schon fast am Ziel angekommen, sah ich diesen, selbst aus der Luft riesigen, gerasterten Teppich aus Grünflächen mitten in der Wüste. Etwas vergleichbares hatte ich auf meinen zahlreichen Flugreisen noch nie gesehen und meine Neugier war geweckt. Mit Hilfe von Google Maps recherchierte ich, worum es sich dabei handelte – so hörte ich das erste Mal vom Imperial County.  Das Imperial County ist ein verrückter Ort, wie ich noch keinen zweiten gesehen habe – er erinnert ein wenig an die Stimmung in Film Mad Max – ich war sofort  fasziniert und erschrocken zugleich.  
Die Fotos sind bis knapp vor Trumps Wahl zum US-Präsidenten 2016 und in Zeiten der großen kalifornischen Wasserkrise entstanden. Das Projekt ist für mich ein Stimmungsbild Amerikas, wenn nicht der Welt, an einem winzigen Ausschnitt festgemacht, denn viele Themen der Zeit stecken darin: Trump, Latinos, Grenzen, Armut, Migration, Wasser, Nahrung, Größenwahn, unkontrollierter Kapitalismus und dessen Folgen für Mensch und Natur. Konzentriert auf ein Gebiet von lediglich etwa 100 mal 100 Kilometern Ausdehnung.

Was hat Sie im Imperial County fasziniert, was hat Sie erschreckt und was hat Ihr Herz gewonnen?

Erschreckt hat mich vor allem, dass in einem reichen Land wie den USA und besonders Kalifornien, dessen Bruttoinladsprodukt im Schnitt und pro Kopf deutlich über dem Deutschlands liegt, eine so große Zahl Menschen in bitterster Armut leben muss. Besonders stark sieht man das in Slab City im Imperial County, einer Art wilder Stadt auf einer ehemaligen Marine Flieger Basis, wo sich Menschen sammeln, die woanders keinen Patz mehr finden. Dort leben sie dann ohne Wasser oder Kanalisation in der Wüste in ihren Trailern und selbst gebauten Hütten. Es gibt keine Infrastruktur und selbst die Sheriffs kommen nicht mehr vorbei. Falls es mal ein Problem gibt, wird es untereinander und ziemlich archaisch gelöst – dann werden Hab und Gut auch einfach mal niedergebrannt.  Mein Herz haben die Menschen gewonnen, besonders die Einwanderer aus Mittelamerika, die Surreños, (Südler) wie sie sich selber nennen. Die meisten haben nicht viel, teilen trotzdem alles. Sind gastfreundlich, wortkarg, arbeiten hart und sind trotzdem voller Hoffnung. Die meisten wissen aus eigener Erfahrung, das sich vieles aber eben nicht alles um Amerika dreht.

Wie viel Zeit haben Sie im Imperial County verbracht? 

Ich bin nach meiner Entdeckung noch drei weitere Male ins Imperial County gereist und habe dort jeweils drei bis vier Wochen verbracht. Ich war und bin der Überzeugung, dass wenn ich es mir als europäischer Fotograf anmaße, etwas über Amerika sagen zu wollen, dann muss ich mich dem Thema mit Zeit widmen und die Zusammenhänge so gut wie möglich verstehen – um dann entscheiden zu können, welches Bild überhaupt relevant ist.

Und wie sind Sie fotografisch vorgegangen?

Imperial County war mein erstes wirklich großes freies Projekt, das ich im Prinzip wie einen Job fotografiert habe: Ich bin morgens vor der Sonne aufgestanden, schnelles Frühstück und los, fotografieren und bis Sonnenuntergang arbeiten. Dann Daten sichern, Batterien laden, Bilder sichten. Zwischendurch habe ich Verabredungen eingefädelt oder bin Orte abgefahren, die ich schon in Deutschland recherchiert hatte. 

Wie haben Sie die Nähe erzeugt, die Sie offensichtlich zu den Menschen auf Ihren Bildern haben?

Die Antwort darauf ist einfach: Ich habe fast keine Fremden fotografiert. Mit eigentlich allen Personen, die auf den Bildern zu sehen sind, habe viele Stunden oder auch Tagen verbracht und sie bei meinen verschiedenen Aufenthalten auch immer wieder besucht.  Ein Großteil der Zeit und Mühe ist in diese Beziehungen geflossen und ich habe versucht, den Menschen wirklich nahe zu kommen. Alle Protagonisten wussten ausserdem, was ich vorhabe – also das ich ein Langzeitprojekt für vielleicht sogar ein Buch fotografieren möchte – und worum es mir dabei geht. Es ist ganz erstaunlich, dass die meisten Menschen, wenn man ihnen gegenüber ehrliches Interesse aufbringt, bereit sind mitzumachen und etwas von sich zu geben. In gewissem Maße sind sie ja sogar so zu Komplizen geworden, da sie mitentscheiden durften, welches Bild von sich sie mir geben oder in welchen Situationen ich sie fotografieren darf. Die Fotos berühren mich jedenfalls schlussendlich mehr, als wenn sie nur so im Vorbeigehen entstanden wären.

Welche Begegnung hat Sie am meisten berührt?

Es gibt so viele... etwa eine intelligente junge Frau die ich mit Ihrer Partnerin fotografiert habe, die große Pläne und Ideen hatte und die grade gestern ihren Jobtitel auf Facebook in “Shift Manager at McDonalds“ geändert hat.  Oder José, selbst Kind illegaler Einwanderer, der nun bei Boarder Patrol arbeitet und dafür sorgt illegale Einwanderer aus Süd- und Mittelamerika, aufzuspüren, zu verhaften und zurück über die Grenze zu verfrachten.   Und Hailey, die ich auf den Bahnschienen des Güterbahnhofes in El Centro, der Hauptstadt des Counties, auf dem Weg zu Ihrem Softball Training fotografiert habe – mit Ihrem rotzigen Blick, den Baseballschläger auf den Schultern ruhend, ihrem selbstgedrucktem und knittrigen T-Shirt, wüstengegerbt mit den von der Hitze und Trockenheit aufgeplatzten Lippen repräsentiert sie ganz gut den Schlag Menschen für mich, der im Imperial Valley zu Hause ist: unbeugsam, auf raue und grade Art herzlich und bereit, unter allen Umständen zu überleben.

Gibt es ein Ziel, das Sie mit Ihrem Projekt zu erreichen hoffen?

Es ist natürlich ein politisches und auch umweltpolitisches Projekt, aber wer bin ich, eine Sichtweise für die Betrachter festzulegen. Deshalb habe ich die gesamte Arbeit als eine Art Sammlung von Eindrücken angelegt, im Prinzip habe ich eine Stimmung fotografiert, einen Vibe, wo der Betrachter die Freiheit hat seine eigenen Schlüsse zu ziehen.  Dennoch: Ich bin zwar wahrlich kein Apokalyptiker, glaube aber das wenn wir so weiter machen, ist unsere Existenz als Spezies so wie die Artenvielfalt immens bedroht – nicht nur in Amerika sondern überall auf dem Planeten. Nirgendwo wo ich bisher in meinem Leben war, manifestieren sich das auf so engem Raum wie im Imperial County. Es liefert einem quasi den Ausblick auf die Zukunft, wenn wir weiter die Ressourcen verschwenden und Märkte deregulieren, Menschen und Umwelt als Kapital behandeln.  
Es ist also ein Beitrag mit meinen Mitteln, für diesen Zustand zu sensibilisieren und hoffe, dass die Menschheit es schafft, doch noch rechtzeitig das Ruder rumzureissen.

Die Arbeit ist im Kehrer Verlag erschienen: Warum ein Buch?

Ich arbeite als Portrait-Fotograf mehr oder weniger in allen Disziplinen – Magazine, kommerzielle Kunden, Online etc. und ich habe meine Fotos im Laufe der Zeit schon in fast allen möglichen Darreichungsformen zu Gesicht bekommen. Darum glaube ich, dass wenig für einen Fotografen befriedigender ist als ein Buch. Es ist zeitlos, bleibt erhalten, man kann die Autorschaft klar lesen, es wird hochwertig gedruckt, die Bilder nicht anders beschnitten als der Autor möchte und man kann all die vielen kleinen gestalterischen Entscheidungen selber treffen.  

Natürlich erreicht man natürlich nur eine relativ schmale Gruppe an interessierten und mit etwa einem Werbeplakat können Botschaften an die zigtausendfache Menge von Menschen gesendet werden. Trotzdem! Das Plakat wird schnell und sicher überklebt, Prints sind klasse, aber Ausstellungen verschwinden nach ihrer Laufzeit, Magazine werden nach nur kurzer Zeit weggeschmissen, online-Beiträge gelöscht oder sehen nach kurzer Zeit überholt und veraltet aus… Und genau deswegen bleibt das Buch für mich die Königsdisziplin der Fotografie.  

Haben Sie Pläne für ein neues Projekt?

Ja diverse, ich habe ein Europaprojekt angefangen, war auf einem Containerschiff von Singapur nach Shanghai unterwegs und plane Reisen in den Iran und auch nach Tansania – noch scheue ich mich jedoch, mich ganz in das nächste Langzeitprojekt dieser Dimension zu werfen, da es doch recht kraft- und ressourcenaufwändig ist. Bis ich jedenfalls wieder voll motiviert bin, lasse ich das ganz entspannt auf mich zukommen und fotografiere bis dahin erstmal die vielen vielen kleineren Ideen für Serien und Einzelbilder die ich sonst noch so habe.  
Die Ausstellung „Imperial County“ ist vom 18.02.2019 bis zum 30.04.2019 in der Leica Galerie Zingst zu sehen.
Die Eröffnung in Anwesenheit des Fotografen ist am 30.03.2019.  

Realisiert wurde die Ausstellung mit den Partnern Leica, Epson und Chromaluxe.  
Website des Fotografen: www.larsborges.com  

 

Das Interview hat Edda Fahrenhorst geführt.

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