Simon Puschmann – Wastelands
20.02.2020

Simon Puschmann – Wastelands

Wie viel und welchen Müll findet man, wenn man 90 Minuten lang sammelt? Je nachdem. Aber (fast) immer mit dem Fazit: Eine Menge.

Um genau diese Menge geht es dem Hamburger Fotografen Simon Puschmann: „Es gibt viel zu viel Müll und ich habe darüber nachgedacht, wie ich mit meinen Mitteln darauf aufmerksam machen kann.“ Seither stellt der Fotograf auf der ganzen Welt die Stoppuhr, geht mit einer Müllzange los und sammelt.

In München hat er am Isarufer vor allem Kronkorken und Kippen gefunden, in der Londoner Brick Lane Sprühsahnekapseln oder auf dem City Square in Johor Bahru sehr viele Zigarettenschachteln. Akribisch sortiert und sorgsam inszeniert entstehen aus diesen Zufallsfunden (beinahe) ästhetische Stilleben, die einzigartige und internationale Konsummuster und -gewohnheiten aufzeigen.

Wir haben ihn gefragt, warum er an der Grenze zu Singapur nervös war und was es mit den 90 Minuten Sammelzeit auf sich hat:

horizonte zingst: Warum und wie haben Sie „Wastelands“ begonnen?

Simon Puschmann: Die Inspiration oder der Ausgangspunkt war, dass ich vor etwa drei Jahren meinen ersten so genannten Knolling-Shot für den Kunden Kia machen durfte.

Knolling ist eine (neue) klassische Still-Life-Geschichte, die schon lange existiert aber durch Instagram gerade neu auflebt. Mir liegen die Ordnung, die Struktur und die Vergleichbarkeit in der Methodik des Knolling Shots. Das ist in meinen freien Arbeiten immer ein wichtiges Thema.

Für Kia jedenfalls musste ich den kompletten möglichen Inhalt eines Kofferraums von oben rechtwinklig anordnen und fotografieren. Ich war direkt begeistert, denn das war totally back to my roots. Ich hatte am Anfang meiner Karriere etwa zehn Jahre lang Still Life fotografiert und hatte im Grunde vergessen, wie viel Spass mir das eigentlich macht.

Im nächsten Schritt habe ich ein Selbstporträt fotografiert, Titel: „Selbstporträt ohne mich“. In diesem Bild habe ich meine Frau, meine Kinder, meinen Hund und alles was mir sonst noch wichtig ist (Bücher, Schallplatten, Kameras, mein Fahrrad etc.) rechtwinklig angeordnet und fotografiert.

Danach war ich endgültig im „Knolling-Fieber“ und habe darüber nachgedacht, was ich noch in dieser Art fotografieren könnte. Hinzu kam der Wunsch, mit meiner „medialen Power“ auch mal was gescheites anfangen zu wollen, etwas bewegen zu wollen, etwas zurück zu geben. Und so entstand die Serie „Wastelands“.

Warum 90 Minuten?

In San Francisco wollte ich ursprünglich zwei Stunden sammeln gehen, aber es stellte sich ganz schnell heraus, dass das zu lang ist. Denn: Je nach Stadt kann ich den Müll, den ich in zwei Stunden finde, gar nicht mehr tragen. Also 90 Minuten. In 90 Minuten allerdings findet man immer soviel Müll, dass es kaum einen Unterschied macht, ob es in einer Stadt vielleicht besonders sauber ist, so wie in Malaga. Da habe ich 45 min fast gar nichts gefunden. Um also den sauberen Städten gerecht zu werden, werde ich in Zukunft die Sammeldauer auf 60 Minuten reduzieren.

Lassen Sie uns hinter die fotografischen Kulissen schauen?

Die ersten drei Bilder habe ich nacheinander in LA fotografiert. Im Freien, im Schatten eines Gebäudes unter blauem Himmel. Das hat zur Folge, dass ich nun alles immer nur bei blauem Himmel fotografieren kann. Jedes Bild wird in einer Belichtung generiert und nicht im Photoshop zusammen gesetzt. Ich arrangiere einfach so lange, bis ich zufrieden bin. Die Bilder entstehen in der Kamera, nicht im Computer. Ich mische immer eine reine Tageslicht-Belichtung und eine Ringblitz-Belichtung. Der Ringblitz kitzelt sehr häufig besser die Materialien heraus. Das Tageslicht beziehungsweise der blaue Himmel ist oft besser für Flächen und Reflektionen, zum Beispiel bei Zigarettenschachteln. Das Sammeln der ersten drei Motive war fast schon Nerven aufreibend, da ich ja noch nicht wusste, ob ich mit meinen Fundstücken überhaupt ein interessantes Bild zustande bringen würde.

Den „europäischen“ Müll haben Sie jeweils nach Hamburg transportiert und zuhause fotografiert, wie sind Sie in Asien vorgegangen?

Die beiden bisherigen Motive aus Asien habe ich vor Ort in einem Mietstudio in Singapur fotografiert. Beide Städte – Singapur und Johor Bahru – waren für mich sehr anders, sehr ungewöhnlich im Vergleich zu allen anderen Städten, die ich bisher im Rahmen der Serie besucht hatte. Zum einen weil es in beiden Städten einfach sehr, sehr heiss war, was das Sammeln sehr anstrengend gemacht hat. Zum anderen, weil die Fundstücke einfach anders waren als bei meinen anderen Stationen. Interessanterweise fand mein Assistent aus Singapur, der mich filmisch begleitete, den Müll und das Bild aus seiner Heimat uninteressant aber das Bild aus Malaysia total spannend und gut. Den Eindruck habe ich öfter, dass die Leute ihre eigene Stadt nicht so interessant finden, aber andere Städte total spannend oder Zitat: „gut getroffen“. Vielleicht schämen sich die Menschen für ihre eigene Stadt ja auch immer ein bisschen.

 

Welche ist Ihre skurrilste Erfahrung beim Müllsammeln?

In Johor Bahru bekam ich Müll von einem professionellen Müllsammler geschenkt. Der wollte dann wissen, wieviel Geld ich für meinen Müll denn in Deutschland bekommen würde, allerdings musste ich da passen. Das wusste und weiss ich leider nicht. Bekommt man überhaupt Geld für gesammelten Müll? Davon habe ich noch nie gehört.

In den USA und auch in Singapur wurde mir immer wieder von Passanten gedankt, dass ich den Müll aufsammele.

In München kam eine Mann mit einem Haufen Scherben an und hat mir die auch ungefragt in meine Tüte geschüttet. Mit dem Herren musste ich dann allerdings echt mal schimpfen. Scherben in eine Tüte zu werfen, ist nun mal nicht das Cleverste.

Welche ist Ihre bisher anstrengendste Erinnerung?

Ich habe mich von einem Fahrer von Singapur nach Johor Bahru bringen lassen, was von Downtown Singapur nur etwa 30 Minuten Fahrt wäre, aber man steht mindestens 90 Minuten im Stau an der Grenze je Weg. Zu Beginn des Rückwegs sagte mir mein Fahrer, dass mein Müll in Singapur illegal sei und ich mich darauf einstellen müsse, dass dieser an der Grenze konfisziert werden würde. Denn die Zigaretten und das Bier (beides leer), das ich gesammelt hatte, seien illegal in Singapur. Auf meinen Einwand, dass es sich um leere Schachteln und Dosen handeln würde, meinte er nur, dass würde den Zoll wohl kaum interessieren.

Wir standen dann tatsächlich sehr lange im Grenzstau. Während der schier endlosen Warterei habe ich mir dann natürlich unglaubliche Sorgen gemacht. Ich sah mich schon in einem nie enden wollenden Kreuzverhör mit den Grenzbeamten von Singapur. Wir wurden dann auch kontrolliert, aber der Grenzer lachte nur, als mein Fahrer ihm erklärte: „The guy loves trash from Malaysia. He just thinks it looks cool.“ Beide lachten und wir konnten weiter fahren und ich konnte mich wieder beruhigen. Mein Puls war wirklich hoch während der Zeit.

Ganz generell: Wie fühlt es sich an, Müll zu sammeln?

Es fühlt sich immer irgendwie falsch an, obwohl ich eigentlich in einer guten Sache unterwegs bin. Aber irgendwie sammele ich ja Gegenstände, die bis vor kurzem einem anderen gehörten. Vielleicht ist das der Grund.

Was schätzen Sie an Ihrer Serie?

Was ich an der Serie sehr mag, ist, dass der Müll die meiste Zeit seiner Existenz einfach Müll ist. Achtlos weggeworfene Gegenstände oder Verpackungen. Nämlich bevor ich ihn einsammele und wieder sobald ich mit dem Foto fertig bin und den Müll dann selber wegwerfe. Ich verwahre nichts. Die Tatsache, dass der Müll für ein bis zwei Stunden kein Müll ist sondern (m)ein Kunstobjekt, das fasziniert mich.

Wie und wie lange werden Sie mit der Serie weitermachen?

Mein Plan ist, 30 Motive zu fotografieren. Also ist jetzt sozusagen Halbzeit. Mich interessiert es dabei nun auch, nicht nur Städte mitzunehmen, sondern auch mal Wanderwege in den Bergen oder kleinere Orte – also, die Serie inhaltlich nochmal deutlich zu erweitern. Auch sollen noch speziellere Orte hinzu kommen, wie z.B. Indien, Japan, Australien, Süd Amerika.

Und last but not least: Was verbinden Sie mit dem Fotofestival »horizonte zingst«?

Ich hatte vor zwei Jahren eine Ausstellung in der Leica Galerie in Zingst. Vorher kannte ich Zingst persönlich gar nicht. Ich hatte zwar schon von dem Ort und dem Festival gehört, war aber selber vorher nie dort. Durch meine eigene Ausstellung in Zingst ist mir allerdings bewusst geworden, was für eine tolle kleine Stadt das ist, die für Ihre Größe und Mittel ein unglaublich tolles Fotofestival auf die Beine stellt. Das verdient Respekt und Unterstützung.

 

Die Ausstellung „Wastelands“  ist vom 15.Mai bis zum 20.04.2021 Open-Air auf dem Postplatz mitten in Zingst  zu sehen und wird in Anwesenheit des Fotografen Simon Puschmann am 17. Mai 2020 um 17 Uhr eröffnet.

Partner der Ausstellung: Epson und Leica.

Alle Bilder © Simon Puschmann

Das Interview führte Edda Fahrenhorst per email.

Webseite des Fotografen: https://www.simonpuschmann.com

Link zum BTS: https://www.simonpuschmann.com/commissioned-work/wastelands-bts/

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